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Weltmission


Was Weltmission ist und wieso sie auch heute wichtig ist, besprechen wir in diesem Bereich des Evangeliumsnetzes. Dieser Bereich wurde von Dr. Andreas Bartels, Campus für Christus, gestaltet.


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Die ganze Vielfalt



Kalevi Lehtinen

Pfarrer Kalevi Lehtinen aus Finnland war von 1976-1987 Leiter von Agape Europe.

 

Den vorliegenden Vortrag hielt er 1988 bei einem "Agape International Training" (AIT) von Agape Europe.

 

 


Inhalt



Die ganze Vielfalt
I. Einführung
II. Sechs wichtige Bereiche, in den Unterschiede zwischen Europäern und Amerikanern bestehen
II.A. Gesprächsführung
II.B. Wortwahl
II.C. Leitung
II.D. Beziehungen
II.E. Vertraulichkeit
II.F. Logik
II.F.1. Lineare Logik
II.F.2. Kontextuell
II.F.3. Dialektisch
II.F.4. Existentiell
III. Wie man zwischen unterschiedlichen Kulturen Brücken baut
III.A. Offene Augen
III.B. Bereitschaft
III.C. Akzeptiere die Unterschiede
III.D. Klare Ziele und Strukutren
III.E. Liebe
III.F. Erweckung

I. Einführung



Was ich Euch heute mitteilen werde, habe ich vor einigen Jahren in Afrika gelernt.

 

Ich besuchte dort unsere Agape-Mitarbeiter und sprach mit vielen europäischen und amerikanischen Mitarbeitern. Während dieser Gespräche bemerkte ich, daß es ein Kommunikationsproblem gab.

 

Wenn Europäer nach Afrika gingen, waren sie durch die Agape-Ausbildung gut ausgerüstet, sich an die afrikanische Kultur anzupassen. Sie hatten ein klares Ziel vor Augen, als sie dorthin gingen, und doch gab es Kommunikationsprobleme. Aber die Probleme betrafen nicht die Beziehung zwischen Europäern und Afrikanern. Diese funktionierte erstaunlich gut. Überraschenderweise gab es die Probleme zwischen Europäern und Amerikanern. Die Europäer gingen nicht mit der Einstellung nach Afrika, sich den Amerikaner anpassen zu wollen. Sie waren darauf ausgerichtet, sich den Afrikanern anzupassen. Genauso wenig gingen die Amerikaner nach Afrika, um sich den Europäern anzupassen.

 

Ganz plötzlich erkannten die europäischen und amerikanischen Missionare, daß das schmerzhafteste Problem in der Kommunikation untereinander lag. Sie waren nicht dafür ausgerüstet, einander zu begegnen oder zusammenzuarbeiten. Alle gingen von der Annahme aus, daß es weder beim Gespräch miteinander noch beim Verständnis füreinander oder bei der Zusammenarbeit Probleme geben würde, weil wir ja fast alle weiß sind und die meisten Amerikaner, die nach Afrika gehen, ja sowieso irgendeine Art von europäischem Hintergrund haben. Und doch erkannten wir plötzlich, daß dem nicht so war.

 

Zuerst möchte ich vor allem über die Kommunikation zwischen Amerikanern und Europäern reden. Aber ich glaube, daß einige der Prinzipien, über die ich sprechen werde, auch ausgeweitet und auf Situationen zwischen Europäern und Afrikaner angewendet werden können, oder auf solche zwischen Europäern untereinander. Europa ist nicht einheitlich. Es geht nicht nur um verschiedene Sprachen, sondern auch um eine Vielzahl von Kulturen und unterschiedlichen Kommunikationsmustern.

 

Eine Vorbedingung möchte ich Euch gerne richtig "eintrichtern", bevor ich fortfahre. Ihr dürft das, was ich sage, nie gegen einen anderen Bruder oder eine Schwester verwenden. Hier bekommt Ihr einige Werkzeuge an die Hand, mit denen Ihr eine andere Person quälen könntet, wenn Ihr wolltet, aber bitte tut das nicht! Auf unsere Haltung will ich am Ende des Seminars noch einmal zurückkommen. Die einzige Vorbedingung ist wirklich die: Benutzt das Gehörte zum Wohl der Menschen und nicht zu ihrem Schaden.

 

In meinem Vortrag verallgemeinere ich vielleicht einige Fragen. Wenn ich die Amerikaner sage, denkt Ihr vielleicht: "Glaubt er wirklich, daß alle Amerikaner gleich sind?" Nein, das sind sie nicht. Ich beziehe mich dabei nur auf einige allgemeine Tendenzen und weiß natürlich um die großen Unterschiede. Wenn ich über Europäer spreche, tue ich nicht so, als seien alle Europäer gleich. Ehrlich gesagt, besteht mein Europa immer noch vor allem aus Finnland, meinen eigenen Wurzeln und meiner eigenen Kultur; und aus Deutschland, wo ich seit nunmehr 14 Jahren lebe, wodurch ich die deutsche Kultur ein wenig kennenlernen konnte.

 

Doch darüber hinaus gibt es große europäische Kulturgebiete, wo ich noch ein völlig Fremder bin und Herz und Seele der Menschen nicht kenne, vor allem, weil wir uns nicht in derselben Sprache verständigen können. Wir müssen uns einer dritten Sprache bedienen und schaffen so eine Subkultur, die uns daran hindert, uns wirklich zu verstehen. Also bitte versteht das. Wenn ich über Probleme spreche, so sollt Ihr auch wissen, daß alle Probleme der Welt, auch die der Agapearbeit, nicht durch kulturelle Unterschiede entstehen, überhaupt nicht. Ich glaube, daß die meisten Probleme ganz einfach durch Sünde entstehen oder durch Schwierigkeiten wie Krankheit, Einsamkeit usw. Die Probleme, über die ich reden werde, sind also nur ein Teil der Probleme, die Agape-Mitarbeiter haben.


II. Sechs wichtige Bereiche, in den Unterschiede zwischen Europäern und Amerikanern bestehen



In meinem Vortrag möchte ich das, was ich über Europa weiß, Amerika gegenüber-stellen; dazu habe ich sechs Gebiete ausgewählt. Natürlich gibt es viel mehr Bereiche, die ich nicht im einzelnen behandeln werde, wie z.B. den Zeitbegriff. Kurz gesagt, haben Amerikaner, Schweizer und Afrikaner sehr unterschiedliche Zeitbegriffe. Afrikaner sagen nicht: "Wir beginnen mit der Besprechung um 9.00 Uhr." Sie sagen: "Weißt Du, wenn wir dann alle beieinander sind, ist es wahrscheinlich 9.00 Uhr." Und sie fangen an, wenn alle da sind. Menschen sind ihnen wichtiger als Zeit. In Amerika fangen Besprechungen manchmal pünktlich an, aber sie gehen nie rechtzeitig zu Ende. Die Anfangszeit ist vielleicht genau festgelegt, aber der Endpunkt bleibt offen. In der Schweizer Kultur versucht man, beide Zeiten relativ genau einzuhalten.

 

Auch das Thema Selbsteinschätzung will ich nur kurz streifen. Ich finde es zum Beispiel interessant, Entwicklungsbögen von Europäern verschiedener Kulturen zu betrachten und zu untersuchen, wie sie sich selbst einschätzen. In manchen Kulturen, wie der amerikanischen und einigen romanischen, neigen die Menschen dazu, sich sehr hoch einzustufen. Sie denken immer: "Wenn ich o.k. bin, dann verdiene ich auch die beste Note."

 

Es gibt aber auch Kulturen wie die koreanische, die japanische und die finnische, in denen die Menschen dazu neigen, sich selbst sehr niedrig einzustufen. Sie fühlen sich oft so, als hätten sie gar kein Recht auf ihr Dasein. Vielleicht kennt Ihr den Witz über einen Amerikaner, einen Deutschen und einen Finnen, die einmal alle einen Elefanten sahen. Jeder von ihnen sagte nur einen Satz. Der Amerikaner sagte: "Ach, wenn ich nur wüßte, wie ich damit Geld machen könnte." Der Deutsche: "Wenn ich nur wüßte, wie ich ihn einsetzen könnte, um produktiv zu arbeiten." Und der Finne sagte: "Wenn ich nur wüßte, was der wohl über mich denkt." Es gibt also zwischen den Kulturen einen Unterschied im Selbstvertrauen.


II.A. Gesprächsführung



Als ersten Hauptpunkt möchte ich unsere Gesprächsführung behandeln. Sehr oft verursacht die Art, wie wir miteinander reden, Mißverständnisse untereinander. Wo liegt das Problem?

 

Stellen wir uns zwei Amerikaner vor, die miteinander reden. Eine Person sagt etwas. Es handelt sich dabei immer um eine Frage, z.B. "Wie geht es Dir heute? Was hast Du so gemacht in letzter Zeit?" Immer steht am Ende ein Fragezeichen. Von der anderen Person wird gar nicht erwartet, daß sie eine lange, tiefgründige Antwort gibt, höchstens ein "Danke, gut. Und Dir?" Wieder eine Frage. Wieder ein Fragezeichen. Amerikaner werfen also bei einem Gespräch einander den Ball zu, indem sie Fragen stellen. So dringen sie immer tiefer in das Thema ein, bis sie schließlich meinen, es erschöpfend behandelt zu haben, und die Person, die als nächste etwas sagt, keine Frage mehr stellt. Auf diese Weise wechseln sie das Thema. Einer von ihnen stellt wieder eine Frage: "Was denkst Du über...?" Das funktioniert. Amerikaner beherrschen die Kunst, ein-fache Fragen zu stellen.

 

Was geschieht, wenn zwei Finnen sich unterhalten? Das geht so: Ein Finne sagt etwas, teilt etwas mit, was ihn bewegt, aber er hört nicht mit einer Frage auf, er hört einfach auf zu reden. Dann erzählt der andere Finne etwas über seine Ansichten zu dem Thema. Der andere antwortet. Und so kommen sie genauso voran wie die Amerikaner, nur daß sie keine Fragen stellen, oder nur sehr wenige. Sie stellen Fragen, wenn sie etwas nicht verstehen, z.B.: "Was meinst Du damit?" Die Fragen der Finnen beginnen mit "Warum?" anstelle von "Was denkst Du darüber?" oder "Wie?", wie bei amerikan-ischen Fragen. Diese Gesprächsführung funktioniert sehr gut, wenn zwei Finnen sich unterhalten, weil sie den gleichen Code verwenden. Sie verstehen, daß "er erwartet, daß ich etwas erzähle, und ich tue es auch, und wenn ich fertig bin, erwarte ich von ihm, daß er etwas erzählt."

 

Aber was geschieht, wenn ein Amerikaner und ein Finne sich treffen? Das läuft dann so ab: Der Amerikaner sagt: "Na, wie geht es Dir heute?" Und der Finne denkt: "O, er interessiert sich für mein Befinden." Dann gibt er eine zehnminütige, tiefgründige Antwort, in der er seine Gefühle analysiert, vor allem die des betreffenden Augenblicks. Dann sagt er nichts mehr. Er erwartet, daß nun der Amerikaner antwortet und etwas aus seinem Leben erzählt. Aber der Amerikaner kann nicht ant-worten, denn der Finne hat die Frage nicht gestellt. Eine kurze, aber unangenehme Stille stellt sich ein, denn keiner von beiden weiß, was er tun soll. Und dann stellt der Amerikaner wieder eine Frage, denn er hat gelernt, die Initiative zu ergreifen. Der Finne antwortet. Er gibt wieder eine zehnminütige, fundierte Antwort und hält dann inne. Wieder unangenehme Stille, und wieder stellt der Amerikaner eine Frage, und noch eine und noch eine, und der Finne versucht zu antworten.

 


Am Ende der Unterhaltung fühlen sich beide unfair behandelt. Der Finne hat den Eindruck, als hätte er ein hartes Verhör hinter sich. Er fühlt sich in die Enge getrieben und meint, der Amerikaner habe ihn übervorteilt, indem er ihn von sich erzählen ließ, aber von sich selbst gar nichts preisgegeben hat. Und der Amerikaner meint, daß das Gespräch unfair verlaufen sei, weil der Finne die Gelegenheit ergriffen hat, um von sich selbst zu reden, ohne dem Amerikaner die gleiche Möglichkeit einzuräumen. Also eine sehr, sehr harte und frustrierende Situation. Hunderte solcher Gespräche habe ich schon miterlebt, und ich habe das Problem in seiner ganzen Tragweite erkannt.

 

Tatsächlich war ich letzten Sonntag in einer solchen Lage. Ich traf ein britisches Ehepaar, das ich schon seit 25 Jahren kenne und das ich regelmäßig etwa alle fünf Jahre sehe. Ich besuchte sie zuhause. Sie sind Experten im Fragenstellen. Sie haben einige unserer besten Gruppenmaterialien entwickelt, z.B. "Wie kann ich ein Gruppen-gespräch durch induktive Fragen leiten?" Sie sind Meister darin, sehr gezielte und detaillierte Fragen zu stellen, z.B.: "Wie fandest Du das Treffen am 26. März, als Du über dieses oder jenes Thema sprachst?" Und wenn ich dann geantwortet hatte, hatten sie schon die nächste Frage parat. Ich habe 25 oder sogar 30 Minuten gebraucht, bis ich merkte, daß ich in die Falle gegangen war. Sie stellten Fragen und ich antwortete. Ihre Fragen kamen so schnell, waren so gezielt, so gut durchdacht, so perfekt formuliert, daß ich wirklich in der Falle saß und mir so vorkam, als hätte ich möglichst detaillierte Auskünfte zu geben. Ich mußte diesen Kreislauf durchbrechen, und so sagte ich einfach mitten in ihre Fragen hinein: "Wie geht es Euch gesundheitlich?", so daß sie Anwort geben mußten, und wir fingen an, uns den Ball gegenseitig mit Hilfe von Fragen zuzuwerfen. Aber vorher war es eine sehr frustrierende Unterhaltung. Drei Stunden lang stellten sie alle Fragen, und ich versuchte zu antworten, aber alle waren wir sehr frustriert. Ihr seht also, so etwas kommt wirklich vor.

 

Was können wir nun tun? Zuerst einmal: bitte verkrampft Euch jetzt nicht. Vor fünf Jahren sprach ich bei einem Mitarbeitertreffen in unserem europäischen Büro über dieses Thema, und das Ergebnis war, daß alle Angst bekamen. "Wir unterhalten uns also alle auf unsere eigene Art." Die Amerikaner beschlossen, keine Fragen mehr zu stellen, weil sie die Finnen und die Deutschen nicht bedrängen wollten. Und die Finnen hatten den Eindruck, sie dürften nicht tiefergehend erzählen oder antworten, weil etwas anderes von ihnen erwartet würde, und schließlich hörte man auf, überhaupt miteinander zu reden. Das ist natürlich nicht die Antwort. Die Antwort ist, einander mit all unseren Eigenarten anzunehmen.


Wenn Du das "Produkt" einer Kultur bist, die Fragen stellt, dann meine nicht, daß das der einzige Weg ist, sondern nimm Dir auch die Freiheit, etwas zu erzählen, wenn niemand Dich fragt. Durchbrich einfach Dein altes Muster und erzähle mehr. Und für uns Finnen, z.B., ist es gut zu erzählen. Aber genauso gut ist es für uns zu lernen, Fragen zu stellen, ohne daß wir gleich meinen, jemandem mit der Frage zu nahe zu treten. Das tun wir nicht. Finnen stellen deshalb keine Fragen, weil sie versuchen, taktvoll zu sein und nicht in das Privatleben einer Person einzudringen, ohne deren Erlaubnis zu haben. Also erwarten sie, daß jemand grünes Licht gibt, indem er von sich aus erzählt, anstatt ihn durch Fragen zu bedrängen. Dies ist eine kulturelle Norm des Taktes, die sich ein wenig von anderen kulturellen Normen unterscheidet. Das ist also einer der Unterschiede - die Gesprächsführung.

 

Amerikaner und Finnen sind nicht die einzigen Menschen, die sich unterhalten. Die deutsche Art zu diskutieren, z.B., ist weder amerikanisch noch finnisch. Die meisten Deutschen benutzen in einer Diskussion einen dialektischen Ansatz. Du sagst etwas, und ein Deutscher hat den Eindruck, er müsse die andere Seite der Frage behandeln. Die ersten zwei Wörter sind "Ja, aber...". Ein Amerikaner fühlt sich sehr unwohl dabei, weil er keine "Ja, aber"-Antworten erwartet. Und er erwartet keine "Warum?"-Fragen. Dadurch fühlt er sich angegriffen. Ein Amerikaner kommt jemanden besuchen und sagt "Guten Morgen". Dann trifft es ihn schwer, wenn der andere "Ja, aber" sagt und einen Gegenpol schafft. In einer deutschen Unterhaltung ist Polarisierung ein sehr wichtiger und ziemlich positiver Wert.

 

In der amerikanischen Kultur ist Konfrontation ein stark negativ besetzter Wert. Das englische Wort discussion bedeutet, daß man über ein Thema spricht und es gemein-sam in die gleiche Richtung weiterentwickelt. Im Deutschen impliziert das Wort Diskussion beinahe das, was im Englischen debate (Debatte) und argument (Streit-gespräch) bedeuten. Wenn man das deutsche Wort Diskussion gebraucht, impliziert das immer Spannung. Deshalb ist es gut für Amerikaner zu erkennen, daß "Ja, aber" im Deutschen nicht unhöflich ist, sondern zu einer guten Diskussion dazugehört. Für den Deutschen ist es wichtig zu sagen: "Ja, ich verstehe Deinen Standpunkt, aber ich denke so..." Die Spannung bleibt also bestehen, und sie mag unangenehm sein für Amerikaner oder Angelsachsen im allgemeinen, aber für Deutsche ist sie es nicht. Deutsche sind eher frustriert, wenn solch eine Spannung in einem Gespräch fehlt. Sie meinen dann: "Ach, wir verschwenden unsere Zeit, das ist ja nur Small Talk." Für Deutsche ist es aber wichtig zu erkennen, daß es gutes Gesprächsmethoden gibt, um ein Thema zu behandeln, auch wenn diese Spannung nicht entsteht. Aber wiederum möchte ich sagen: Laßt uns wir selber sein, aber wenn wir jemand anderem zuhören, dann laßt uns auch versuchen herauszufinden, wie er gerne reden möchte, und laßt uns reden, lieber zu viel als zu wenig.


II.B. Wortwahl



Ein anderer wichtiger Punkt bei der kulturellen Anpassung ist die Wortwahl in einem Gespräch. Wenn ich noch einmal verallgemeinern darf, würde ich sagen, daß Amerikaner lieber Wörter mit großer Wirkung gebrauchen, und Europäer eher nach Genauigkeit streben. Amerikaner gebrauchen Superlative. Alles ist fantastisch, kolossal und wunderbar. Das sind positive Superlative. Sie gebrauchen nie negative Superlative; das ist eher die deutsche Art. In der amerikanischen Sprache ist etwas, wenn es sehr gut ist, gleich fantastisch; wenn etwas sehr schlecht ist, dann ist es interessant. Europäer neigen dazu, alles zu definieren, vor allem die Deutschen. Das Deutsche ist eine sehr genaue Sprache. Europäer meinen oft, daß Amerikaner übertreiben, wenn sie reden.

 

Ich erinnere mich an meine allererste Konferenz bei Campus für Christus. Es war die Bibelstudientagung 1967 in Arrowhead Springs. Der beste Redner von CfC Amerika, Jon Braun, war da. Ich hörte seinem ersten Referat zu, angestrengt darum bemüht, amerikanisches Englisch zu verstehen. Dann kam er an einen bestimmten Punkt seiner Botschaft und sagte: "Das war der Wendepunkt in meinem Leben..." Ich nahm meinen Notizblock und meinen Stift und dachte: "Das schreibe ich auf. Jetzt entdecke ich sein Geheimnis." Er erzählte etwas, und ich dachte: "Das ist ja ganz nett, aber ich verstehe nicht, wie das seinem Leben eine Wende gab. Ich werde später darüber nachdenken." Fünf Minuten später sagte er in einem anderen Zusammenhang seiner Botschaft: "Das war die allerbeste Entdeckung meines ganzen Lebens..." Und ich schrieb auch das auf. Als er aber ungefähr zum siebten Mal während des Referates auf seine allerschönste Erfahrung zu sprechen kam, legte ich Papier und Bleistift weg, denn ich dachte, er sei ein Lügner. Niemand kann so viele "allerschönste" Erfahrungen in seinem Leben machen. In meinen Augen hatte er übertrieben.

 

Nach den Regeln der amerikanischen Kultur, die seit Generationen von der Werbung regelrecht infiziert ist, meinte er, wenn er sagte, daß dies ein "Wendepunkt" oder "die allerschönste Erfahrung" gewesen sei, ganz einfach: "Also, Leute, hört mal gut zu, das ist wichtig." Und tatsächlich, mehr wollte er nicht sagen. Aber für mich bedeutete es viel mehr, denn ich erwartete genaue Angaben an Stelle von wirkungsvoller Rede. Er dagegen wählte seine Worte aus der amerikanischen Werbesprache, weil er bei seiner Zuhörerschaft eine Wirkung erzielen wollte. In der amerikanischen Kultur hat das wunderbar geklappt, genau wie meine Sprache in der finnischen Kultur gut funktio-niert. Wenn man die beiden aber mischt, entsteht eine Lücke in der Kommunikation. Ich nahm seine Worte für bare Münze, während er sie gar nicht so meinte. Alle anderen Zuhörer verstanden sie so, wie sie gemeint waren, aber ich war verwirrt.

 

Inzwischen habe ich gelernt, wie ich in einer amerikanischen Runde reden muß, speziell auf der internationalen Direktorenkonferenz, wenn ich gebeten werde, einen Bericht über die Arbeit in Europa zu geben. Während der ersten Jahre gab ich einen Bericht, und jeder meinte, daß wir in Europa kläglich versagt hätten. Ich verstand unter einem Bericht, daß man mitteilt, was sich ereignet hat: die guten Dinge und die Probleme. Nach meinen Berichten beteten sie, daß Gott uns von unserer Problemorientiertheit befreien würde, und daß eines Tages auch in Europa etwas geschehen würde. Ich war immer überrascht darüber, wie fantastisch die Arbeit auf anderen Kontinenten funktionierte, bis ich endlich verstand, daß wir nur aus verschiedenen Kulturen kamen. Wenn sie um einen Bericht baten, dann meinten sie nach meiner Auffassung eigentlich eine Werbepräsentation. Von da an dachte ich: "Gut, sie wollen in Wirklichkeit ein wenig Werbung, sie nennen es nur Bericht!" Also hörte ich auf, von den Problemen und Schwierigkeiten zu reden, die vorher 50% des Berichtes ausgemacht hatten. Alle waren glücklich, weil so viel in Europa passierte, und sie sagten, daß Europa sich verändert hätte. Aber es war gar nicht Europa, das sich verändert hatte, es waren die Kommunikationskodes.

 

Ich mußte ihre Kommunikationskodes annehmen, weil sie meinten, daß das Reden über negative Ereignisse auf einen Mangel an Vision hinweise, aber ich meinte, daß es ein Zeichen mangelnder Ehrlichkeit sei, die Probleme einfach wegzulassen. Versteht Ihr diese beiden grundlegenden Unterschiede? Sie gehören zu den augenfälligsten Unterschieden zwischen Amerikanern und Europäern. Amerikaner gebrauchen Wörter wie immer und nie. Europäer sagen eher oft oder selten. Wir meinen, daß es den Amerikanern an Redlichkeit fehle, und sie meinen, uns fehle die Vision. Wir müssen lernen, diesen Unterschied zu überbrücken, und auch sie müssen auf uns zukommen. Wenn wir einander kennenlernen, dann finden wir eine dritte Kultur: eine Sprache, die für das Gespräch in einer multinationalen Gruppe taugt, und sie liegt immer irgendwo dazwischen.


II.C. Leitung



Ein anderer Punkt ist Leitung. Viele Europäer haben Angst davor, unter einem amerikanischen Direktor zu arbeiten, wenn sie z:B. nach Afrika gehen, weil sie erkannt haben, daß der amerikanische Leitungsstil sich vom europäischen unterscheidet. In Amerika ist es z.B. der Leiter, der Entscheidungen trifft. In vielen europäischen Ländern führt der Leiter seine Leute zu einer Entscheidung hin. Wenn Du in Amerika Leiter sein willst, dann kommen die Leute zu Dir, damit Du ihnen ihre Entscheidungen abnimmst. Dann heißt es: "Ja, tu dies, dies und das", und dann gehen sie wieder. Und manchmal funktioniert Leiterschaft im angelsächsischen Kulturkreis Europas genauso. Auf dem europäischen Festland dagegen kommen die Menschen oft zu ihrem Leiter und bitten ihn um Hilfe bei ihrer Entscheidungsfindung, z.B.: "Ich muß hier eine Entscheidung treffen. Welche Hilfen kannst Du mir anbieten? Wo paßt meine Ent-scheidung in den Gesamtkontext? " Von den Leuten, die unter einem amerikanischen Leiter arbeiten, erwartet man eher die Frage "Wie?" Der Leiter hat eine Entscheidung getroffen, und die Person, die unter ihm arbeitet, kann fragen: "Wie soll ich das machen? Wie kann ich das machen? Wie kann ich dieses Problem lösen?" Danach erwartet sie eigentlich eine zweite Entscheidung: "So sollst Du das tun."

 

Europäer wollen die Gründe für eine Entscheidung wissen, und die Schlüsselfrage ist immer "Warum?". Aber ein Amerikaner interpretiert die "Warum?"-Frage oft negativ. Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal bei einer europäischen Leiter-konferenz dabei war. Zu der Zeit waren die meisten unserer Leiter Amerikaner. Damals gab es CfC in Europa nur in Deutschland, Großbritannien und Finnland, und alle Teamleiter in Deutschland und Großbritannien waren Amerikaner. Ich war der einzige anwesende Europäer. Wir hatten einen Sprecher eingeladen, der ein sehr, sehr gutes Referat hielt. An das Thema erinnere ich mich nicht mehr, aber es war wirklich gut. Ich weiß noch, daß es mich sehr interessierte und daß ich mehr wissen wollte.

 

Also stellte ich während des Referates und danach ungefähr 7-10 "Warum?"-Fragen; ich wollte ja die Gründe für seine Argumentation erfahren. Am Ende der Versammlung kam einer meiner amerikanischen Freunde auf mich zu und sagte: "Wie konntest Du nur so grob sein und immer wieder dem Redner widersprechen?" Ich war schockiert, denn eigentlich hatte ich ja sehr froh und positiv auf das Referat reagiert. Aber für den amerikanischen Freund klangen diese "Warum?"-Fragen nach Widerspruch. Für mich zeigten sie die Bereitschaft, mehr zu lernen und an all die Hintergründe heranzu-kommen. Der Amerikaner dachte, ich sei negativ. Ich meinte, sehr positiv zu sein. Ich weiß nicht, was der Redner gedacht hat, aber er gab sehr gute Antworten. Wenn Du irgendwohin gehst und unter amerikanischen Leitern arbeitest, ist es für Dich wichtig, daß Du vorsichtig mit der Frage nach dem "Warum?" umgehen solltest, damit sie nicht bedrohlich wirkt. Sie wird sonst vielleicht als Rebellion aufgefaßt.

 

Während meines Afrikaaufenthaltes hatte ich einige Probleme zwischen Amerikanern und Europäern zu lösen, wo Europäer als rebellisch angesehen wurden, weil sie zu viele "Warum?"-Fragen stellten. Es kann tatsächlich sein, daß wir Europäer zu viele "Warum?"-Fragen stellen. Wenn alle Apostel Europäer gewesen wären, hätten sie, nachdem sie den Missionsauftrag erhalten hatten, vielleicht "Warum?" gefragt, anstatt ihn auszuführen, und würden vielleicht heute noch darüber diskutieren, ob er aus-geführt werden sollte oder nicht. In der amerikanischen "Leitungskultur" trifft ein Leiter eine Entscheidung, trennt aber anschließend Motivation und Überprüfung von der Entscheidung. Entscheidungen werden sehr schnell gefüllt. Ein amerikanischer Leiter fällt leicht hunderte von Entscheidungen täglich.

 

Europäische Leiter ziehen es vor, einen Konsens zu finden. Sie bringen eine Gruppe von Leuten zusammen, besprechen miteinander sehr gründlich einzelne Fragen und kommen schließlich zu einer Entscheidung. Sie treffen wenige Entscheidungen, und die Entscheidungsfindung dauert lange und kann einen schmerzhaften Prozeß beinhalten. Aber mit der Entscheidung zusammen wird gleich die Motivation geliefert, weil die ganze Diskussion die Identifikation mit dem Problem gefördert hat. Und es gibt Kontrollmöglichkeiten, denn jeder kennt die Gründe, so daß jeder weiß, was seine Aufgabe ist und nicht dauernd um Rat fragen muß. Amerikaner verbringen also wenig Zeit mit der Entscheidungsfindung, mehr mit der Motivation und die meiste Zeit mit der Kontrolle, denn sie treffen Entscheidungen leicht und schnell. Europäer verbringen viel Zeit mit der Entscheidungsfindung und müssen so viel weniger Zeit für Motivation und Kontrolle aufwenden. Und im Endeffekt funktionieren beide Wege so ziemlich gleich gut.

 

Amerikanische Leiter wollen schnelle Lösungen, und es ist schwer für sie, mit ungelösten Problemen zu leben. Europäer treffen weniger Entscheidungen und sind dabei langsamer, aber sie können mit Problemen leben; oft ist genau das ein Problem für uns Europäer: Ich habe Menschen aus introvertierten Kulturen wie der finnischen getroffen, Kulturen, wo man so gut mit Problemen zu leben weiß, daß man gar nicht mehr das Bedürfnis hat, sie zu lösen. Amerikaner meinen oft, daß irgendeine Lösung besser als keine Lösung ist, also ist auch eine falsche Entscheidung besser als gar keine. Als Folge werden natürlich viele Fehler gemacht, die später wieder ausgebügelt werden müssen. Europäer meinen, daß Entscheidungen gut sein müssen, und so entscheiden sie gar nichts, bevor nicht eine perfekte Entscheidung gefunden ist. Manchmal geht so gar nichts voran. Wieder ist also das Endergebnis bei beiden Wegen gleich gut und ganz abhängig von der Person. Wenn wir Menschen verschiedener Kulturen zusammenbringen, müssen wir das berücksichtigen.


II.D. Beziehungen



Beziehungen sind ein weiteres Schlüsselthema. Amerikaner entstammen einem Schmelztiegel verschiedenster Völker, Menschen, die nach Amerika eingewandert sind. Sie waren dazu gezwungen, miteinander zu reden. Folglich wird in Amerika irgendein Gespräch dem Schweigen vorgezogen. Ziel ist es, viele Bekannte zu haben. In vielen europäischen Kulturen wollen die Menschen nicht viele oberflächliche Bekannte haben, sondern lieber einige ausgewählte Freunde. Das ist ein entscheidender Unterschied. Bei Beziehungen von Amerikanern untereinander ist die Stufe der Verbindlichkeit viel niederiger. Man hat viele, weniger tiefe Beziehungen. In Europa streben die Menschen dagegen tiefe, lebenslange Beziehungen an. Für Amerikaner ist Small Talk (also das Reden um des Redens willen) etwas Positives.

 

Cocktail-Parties sind typisch amerikanische Veranstaltungen: Menschen kommen zusammen, und man spricht eine halbe Stunde lang mit jemandem, ohne wirklich etwas zu sagen, aber es besteht die Möglichkeit, Bekanntschaften zu machen, seine Ansichten mitzuteilen, Visitenkarten auszutauschen; dann geht man zur nächsten Person weiter, und so versucht man, so viele wie möglich kennenzulernen. Europäer meinen eher, daß Small Talk etwas ziemlich Negatives ist. "Warum redet er überhaupt, wenn er gar nichts zu sagen hat?"

 

Bei Parties, Cocktail-Einladungen oder Empfängen halten Europäer oft nach ein oder zwei Personen Ausschau, mit der/denen sie dann in einer Ecke stehen und ein tiefes Gespräch führen. Sie verbringen lieber längere Zeit mit der gleichen Person. Es ist gut, diesen Unterschied zu verstehen. Erwarte nicht, daß ein Amerikaner, der fragt "Wie geht`s?", wirklich alles über Dein Leben wissen will. Vielleicht dreht er sich um und geht weg, bevor Du überhaupt angefangen hast zu antworten, und Du bist verletzt, bis Du merkst, daß "Wie geht`s?" keine Frage ist, sondern eine Grußformel. Ob Du Sie beantwortest oder nicht, ist egal, aber für Amerikaner signalisiert sie normalerweise nicht den Beginn eines tiefen Gespräches. Für viele Europäer jedoch schon. Ameri-kaner wollen gerne so viele Leute kennen wie möglich.


II.E. Vertraulichkeit



Europäer neigen dazu, ihr Privatleben zu schützen. Europa ist ein so dichtbevölkerter Erdteil, daß die Menschen ihre Privatsphäre schützen wollen. Sie errichten Mauern um ihre Häuser und hängen Gardinen vor die Fenster, denn sie wollen nicht der ganzen Welt ihr Leben zur Schau stellen. Die amerikanische Kultur ist offener, stärker kontaktorientiert, weniger auf Abschirmung bedacht, und somit eigentlich kühn in diesem Bereich. In Wirklichkeit hängt das davon ab, wie man sein Leben einteilt. Ein Amerikaner unterscheidet praktisch zwei Bereiche in seinem Leben, den privaten und den öffentlichen. Was nicht privat ist, was Du nicht ganz für Dich behältst, das ist öffentlich. Öffentlich - d.h., offen für jedermann. Für die meisten Europäer, besonders die der germanischen und skandinavischen Kulturen, gibt es drei Bereiche, den privaten, den vertraulichen oder halbprivaten, und den öffentlichen. Den vertraulichen Bereich offenbarst Du ein oder zwei Freunden, von denen Du erwartest, daß sie Deine Geheimnisse für sich behalten. In diesem Bereich gibt es die meisten Konflikte zwischen europäischen und amerikanischen Mitarbeitern.

 

Ein Finne, ein Deutscher oder ein Schweizer erzählt einem Amerikaner etwas im Vertrauen, ohne sich im Klaren darüber zu sein, daß ein Amerikaner diesen vertrau-lichen Bereich nicht kennt. Anschließend beklagt er sich: "Ich dachte, er wäre mein Freund! Ich habe ihm dies und das von mir erzählt, und er ging hin und schrieb es in seinem Gebetsbrief und brachte es als Gebetsanliegen bei einem Gebetstreffen vor. Er hat mein Vertrauen gebrochen, dabei dachte ich, er wäre mein Freund." Der Ameri-kaner wollte aber nur einen Dienst erweisen. Man hatte es ihm erzählt, also war es öffentlich, und er wollte nur erreichen, daß mehr Menschen dafür beten würden. Ich habe schon viele Tränen gesehen, eine Unzahl von Situationen, wo Europäer und Amerikaner Wunden davontrugen: der Europäer, weil der Amerikaner seiner Meinung nach sein Vertrauen mißbraucht hatte, und der Amerikaner, weil der Europäer sich seltsam verhalten hatte, indem er sich plötzlich zurückzog und sich durch etwas verletzt fühlte, was der Amerikaner überhaupt nicht bewußt falsch gemacht hatte. Nach seinem Wertesystem hatte er das Richtige getan. Nach dem europäischen Wertesystem war es das Falsche gewesen.

 

Wenn Du also jemandem etwas aus Deinem Leben erzählst, ist es ratsam, auch über den Grad der Vertraulichkeit zu reden. Wenn Du nicht möchtest, daß der Amerikaner mit irgend jemandem darüber redet, dann sage es klar und deutlich: "Ich möchte nicht, daß Du es jemandem weitererzählst. Kann Du ein Geheimnis für Dich behalten? Wenn Du mein Freund bist, wirst Du es für Dich behalten." Dann macht es klick, und der Amerikaner beginnt zu verstehen. Wenn Du das nicht sagst, darfst Du auch nicht beleidigt sein, wenn er es weitererzählt.

 

Ich komme aus einer Kultur, in der der vertrauliche Bereich sehr wichtig ist. Ich bin ordinierter Pfarrer und für uns gibt es sogar ein Kirchengesetz, das folgendes be-sagt: Wenn mir jemand etwas vertraulich erzählt, und ich das weitererzähle, verliere ich meine Stelle, wenn ich Gemeindepfarrer bin. So absolut wird das gehandhabt. Du tust das einmal, und schon bist Du draußen. Der Stellenwert ist ähnlich wie der der Beichte für einen katholischen Priester. Aber innerhalb von Freundschaftsbeziehungen läuft es genauso. In manchen europäischen Kulturen wirst Du nicht länger als Freund akzep-tiert, wenn Du das Vertrauen brichst. Klar, wir lernen alle dazu, wenn wir mit anderen Leuten zusammentreffen, z.B. ist mein vertraulicher Bereich offener geworden.

 

Ich verstehe es, wenn Menschen über Dinge reden, die ich ihnen auf einer eher persönlichen Ebene mitgeteilt habe. Ich verstehe, daß es Situationen gibt, in denen man sich einigen Menschen mitteilt. Aber immer ist es gut zu überprüfen: "Kann ich darüber mit so und so reden? Kann ich darüber beim Teamtreffen reden?" Und wenn jemand meint: "Nein, dabei fühle ich mich nicht wohl", dann soll er es lassen. Die Erklärung hilft; wenn Du mit dem anderen zusammen bist, dann trefft eine Abmachung darüber, wie das Besprochene zu behandeln ist


II.F. Logik



Ich möchte noch ein anderes Gebiet behandeln, und zwar das der Logik. Menschen verschiedener Kulturen kommen in ihren Gedanken- und Entscheidungsprozessen auf ganz verschiedenen Wegen zu Ergebnissen. Wir alle wurden in unserer eigenen Kultur dazu erzogen, Entscheidungen auf eine bestimmte Art und Weise zu treffen und auf eine bestimmte Art zu denken, und wir meinen, daß dies der logische Weg sei. Menschen, die auf andere Art und Weise denken, sind, von unserem Blickwinkel aus gesehen, immer unlogisch. Aber natürlich sind sie das nicht. Es gibt einfach verschie-dene Arten, ein Thema zu entwickeln, zu kommunizieren und Entscheidungen zu treffen.


II.F.1. Lineare Logik



Die amerikanische Art ist linear. Lineare Logik bedeutet, daß es nur in eine Richtung geht. Man hat ein klares Ziel. Man hat Punkt 1, Punkt 2, 3, 4 und 5, und dann kommt man zu einem Schluß. Das funktioniert gut. Damit kann man gut mathematisch arbeiten, oder in der Geschäftswelt, in Wissenschaft und Technologie, aber mit dieser Art von Logik komponiert man keine Symphonie. Wenn es um positive oder negative Aspekte geht, arbeiten Amerikaner immer mit der positiven Seite. Wenn sie eine Entscheidung treffen müssen, sammeln sie alle positiven Informationen zum Thema und treffen dann eine Entscheidung.

 

Auch die Briten denken im allgemeinen linear, arbeiten jedoch mehr auf der negativen Seite. Sie versuchen, auch die Probleme zu sehen, und wählen wohl meist die Lösung, die die wenigsten Probleme mit sich bringt. Meistens jedoch denken sie eindimensional. Ich war gerade zwei Wochen lang in Großbritanien und sprach auf einer Tagung mit einigen meiner Kollegen darüber. Ihnen war dieser Unterschied zwischen ihnen und den Amerikanern klar. Sie sagten: Amerikaner ignorieren die negativen Aspekte und wissen deshalb nicht rundum über ein Thema Bescheid, wenn sie Entscheidungen treffen. Die Briten versuchen, bei ihrem Entscheidungsfindungsprozeß alles miteinzubeziehen, doch lassen sie sich dann stärker von den Problemen beeinflussen, wenn sie die Entscheidung treffen. Aber all das gehört in den linearen Bereich.


II.F.2. Kontextuell



Wenn Du dagegen nach Südeuropa oder Afrika gehst, merkst Du, daß dort eine völlig andere Art der Entscheidungsfindung vorherrscht, nämlich die kontextuelle. Wenn ein Afrikaner über ein Thema spricht, malt er ein Bild. Alles wir mit hineingenommen. Er braucht auch keinen zentralen Punkt. Kontextuelle Logik ist auch in Südeuropa sehr verbreitet. Die Menschen malen mit ihren Worten ein Bild. Wenn sie sich unterhalten, ist es eine lange Unterhaltung.

 

Sie reden, reden und reden. Jemand aus einer linearen Kultur fragt sich: "Wann kommt er endlich zur Sache?" Die Sache ist, es gibt keine. Die ganze Unter-redung ist die Antwort auf die Frage. An einem bestimmten Punkt fangen sie an zuzustimmen, erreichen einen Konsens, sind schließlich alle einverstanden: "Ja, ja, jetzt sehe ich das ganze Bild."

 

Als ich in Nigeria war, traf ich eine Agape-Lehrerin aus Amerika, eine gute lineare Denkerin. Einmal sah ich, wie sie ein langes Gespräch mit einem Schüler hatte, der zu spät gekommen war. Aus einiger Entfernung habe ich die beiden beobachtet. Der Schüler redete und redete, und die amerikanische Lehrerin wurde ungeduldig. Schließlich sagte sie zu dem Jungen: "Du kommst nie zur Sache." Da begann der Junge über alles zu reden: die kranke Großmutter, das Huhn, das über die Straße rannte, was auch immer. Als ich schließlich mit der Lehrerin sprach, fragte ich sie nach ihrer Meinung über das ganze Gespräch. Sie sagte: "Dieser Junge redet immer um den heißen Brei herum und kommt nie zur Sache." Handelte er unlogisch? Nein. Er redete kontextuell, und die Lehrerin war Teil des ganzen Kontextes. Als sie offensichtlich nicht verstand, meinte er, er würde sich nicht klar genug ausdrücken, und begann, das Thema noch einmal von vorne aufzurollen und das ganze Bild noch einmal zu malen.


II.F.3. Dialektisch



Manchmal sagt man, daß Hegel die dialektische Logik erfunden habe, was ich bezweifeln möchte. Hegel ist übrigens ganz schön schwer zu verstehen. Man erzählt folgende Geschichte über ihn: Als er sein Hauptwerk geschrieben und das Manuskript bis auf die letzte Seite fertiggestellt hatte, dachte er: "O, ich habe es geschafft!" und ging zum offenen Fenster, um ein wenig Luft zu schnappen. Gerade da fuhr ein Windstoß ins Zimmer und wirbelte die Seiten durch das ganze Zimmer. Er schaffte es nie, sie wieder richtig zu ordnen. So entstand die dialektische Logik.

 

Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, daß dies so passiert ist. Ich glaube auch nicht, daß Hegel die dialektische Logik "erfunden" hat. Er schrieb nur nieder, wie Deutsche seit Generationen dachten. Das dialektische Denken ist Teil des deutschen Charakters. Das Schlüselwort ist Spannung - kreative Spannung. Man sagt oder denkt etwas, und gleich fällt einem selber oder dem Gesprächs-partner ein "Ja, aber..." ein. Man muß die andere Seite anführen. Der erste Gedanke, den man sagt, ist die These, dann produziert man selbst oder ein anderer die Antithese. Es entsteht Spannung, und diese Spannung stellt ein ungelöstes Problem dar, bis man schließlich zu einem Konsens, zur Synthese, findet.

 

Ein Konsens ist kein Kompromiß. Ein Kompromiß ist etwas, wo sowohl von der These als auch von der Antithese Teile aufgegeben werden müssen, und man sich in der Mitte zwischen beiden befindet. Ein Konsens ist kein Kom-promiß, sondern eine neue Erfindung, eine höhere Ebene von Wahrheit, die Vorbedingungen und Axiome sowohl der These als auch der Antithese erfüllt. Durch die Spannung erreicht man also eine höhere Ebene. Doch dann wird der Konsens zur neuen These, und jemand kommt und stellt eine Antithese auf.

 

Und wieder entsteht die gleiche Situation. Man findet eine höhere Wahrheits-ebene, einen neuen Konsens. Auf diese Weise entwickelt sich das Gespräch weiter, und auch das Denken. Es ist eine sehr zeitaufwendige und aufreibende Art zu denken, denn man steht immer unter Spannung. Vielleicht entwickelt man so keine Wissenschaft oder neue Technologien, aber durch diese Art zu denken entwickelt man politische und philosophische Konzepte. Und man komponiert Symphonien, die voll von dieser Spannung sind. Wenn man Bach oder Beethoven hört, erkennt man, daß das dialektische Musik ist. Da sind Spannungen, die aus einer neuen, kreativen Perspektive betrachtet werden, und man fühlt das, wenn man diese Symphonien hört.


II.F.4. Existentiell



Ich meine, daß Frankreich sich auch zum Teil der dialektischen Logik bedient. Doch noch gebräuchlicher in Frankreich ist meiner Meinung nach das, was ich existentielle Logik nenne würde. Frankreich und die skandinavischen Länder sind die Heimat des existentialistischen Denkens, das aber nicht unbedingt der philosophischen Strömung des Existentialismus entspricht. Es beinhaltet, daß man einen experimentellen Glaubenssprung machen muß, um zu neuer Wahr-heit zu gelangen. Man ergreift etwas, was noch gar nicht da ist. Man ist in-tuitiv. Vielleicht kann ich das am besten anhand des Kommunikationsmusters erklären.

 

Zwei Personen unterhalten sich, und einer von beiden will dem anderen einen Gedanken vermitteln. In einer linearen Kultur würde er einfach die Fakten aufzählen. Der andere akzeptiert die Fakten, und schon ist alles vorbei. In einer existentiellen Kultur würde der Sprecher sich zuerst fragen: "Aufgrund welcher Gefühle denke ich so?" Zweite Frage: "Wie kann ich das gleiche Gefühl beim anderen wecken, so daß er diese Wahrheit genauso begreifen kann?" Er kommuniziert also mit der irrationalen Ebene der anderen Person, aber indem er die rationale Ebene eines Gesprächs gebraucht. In dem Moment, in dem seine Worte beim anderen ankommen, fühlt dieser, daß er gerade das Gleiche entdeckt.

 

In einer existentiellen Kultur gebrauchen die Menschen nicht so viele Fragen im Gespräch. Bei einem Existentialisten reichen Fakten nicht aus, um ihn von irgend etwas zu überzeugen. Man verwendet im Gespräch miteinander Erfahrungen, Gleichnisse, Gedichte, Metaphern, Theater, Musik und Bilder. Meine Kultur ist sehr stark so geprägt. So bin ich "gebaut". Ich erinnere mich daran, wie ich mich mit Daniel traf, als ich in Abidjan, Elfenbeinküste, war. Er war assoziierter Mitarbeiter in Frankreich und leistete seinen Zivildienst in Mali ab. Er kam nach Abidjan, um sich mit mir zu treffen. Daniels Zeit in Mali ging gerade zuende, und er mußte Pläne für die Zukunft machen. Ich hatte einen guten amerikanischen Mitarbeiter mit im Auto. Daniel, der Amerikaner und ich fuhren miteinander und unterhielten uns dabei über Daniels Zukunft. Daniel sagte: "Ich weiß, dies, dies und das sind die Alternativen... Mein Freund aus Amerika begann, etwas ungeduldig zu werden. Er schnippte mit den Fingern und sagte: "Daniel, da hast Du doch alle Fakten, jetzt kannst Du doch ganz einfach eine Entscheidung treffen." Daniel war sehr überrascht, er wandte sich meinem Freund zu und sagte: "Aber ich muß überzeugt sein!"

 

Er war ein existentieller Denker, und einen solchen können reine Fakten nicht überzeugen. Er mußte sicher sein, daß er mit dem ganzen Herzen dabei sein konnte. Ich erinnere mich noch so genau an diese Unterhaltung, weil in in diesem Moment bei mir klick gemacht hat und ich den Unterschied zwischen linearer und existentieller Kommunikation erkennen konnte.


Keine Art und Weise ist richtig, keine falsch. Es hängt alles davon ab, ob Du in einer Kultur arbeitest, wo man Dich versteht, wenn Du Deine Logik gebrauchst. Wir alle lernen, wie lineare Logik funktioniert, wenn wir in der Schule z.B. Mathematik-aufgaben durchrechnen. Wenn wir Literatur untersuchen, sehen wir ein wenig, wie das kontextuale Denken funktioniert, usw. Aber wenn eine wichtige Frage in unserem Leben auftaucht, wenn wir wichtige Entscheidungen treffen müssen und wenn wir mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, dann greifen wir alle auf unsere Heimatkultur zurück, die Art von Logik, die uns eigen ist. Ein Finne sucht sich seine Frau nicht aus, indem er ihre guten Eigenschaften zusammenzählt, die schlechten davon abzieht und dann eine Entscheidung trifft. Das geschieht auf existentielle Weise. Ich weiß nicht, vielleicht wenden Deutsche hier ihre Dialektik an. Genauso funktioniert das bei einem Hauskauf. Es werden nicht nur die Fakten durchgesprochen, die Leute müssen sich erst in den Plan verlieben, bevor sich eine Entscheidung herauskristallisiert.

 

Keine dieser Methoden ist besser als die andere oder schlechter. Hier geht es gar nicht um richtig oder falsch. Die Schlüsselfrage lautet: Wie kann ich mit Menschen, die anders denken, kommunizieren, damit sie mich wirklich verstehen? Es ist also gut zu fragen: "Hast Du mich verstanden?"

 

Ich erinnere mich an den bereits erwähnten Jon Braun aus Amerika, den ich auf meiner ersten CfC-Tagung kennenlernte. Er brachte seine fünf Punkte und zitierte dabei ver-schiedene Persönlichkeiten: Eisenhower sagt das, und Lyndon B. Johnson sagt das. Alles nette Zitate, aber für mich bewiesen sie gar nichts, denn in meiner Kultur wertete die Tatsache, daß Lyndon B. Johnson so und so dachte, das Christentum weder auf noch ab, sie zeigte mir nur seine Meinung. Schließlich kam der Redner zu einer Schlußfolgerung, und ich dachte: "Aber so kann man doch keine Schlüsse ziehen - ohne die Tatsachen anzuführen, ohne den emotionalen Hintergrund zu liefern, ohne überhaupt nur zu fragen: "Und was ist damit?" Da erkannte ich, daß in einer Kultur Fakten ausreichen oder ein bestimmter Teil der Fakten und Zahlen, in einer anderen jedoch nicht. Ich mußte lernen, mehr auf die amerikanische Art und Weise zu kom-munizieren und ihre Art der Kommunkation anzunehmen. Wenn Ihr also Euren Dienst beginnt - wie immer er aussieht - , müßt Ihr versuchen, sensibel für die Logik anderer Menschen zu sein. Glaubt nicht, daß eine andere Person unlogisch ist, nur weil sie anders denkt als Ihr.

 

Jesus gebrauchte in seiner Kommunikation all diese verschiedenen Methoden. Manch-mal war er linear, z.B. als er sagte: "Weil ihr dies und das tut, wird jenes passieren, und wenn ihr das nicht tut, wird mein himmlischer Vater euch nicht segnen." Sehr oft zog er lineare Schlüsse. Meistens gebrauchte er jedoch die kontextuale Methode. Er hielt keine exegetischen Vorträge über das Alte Testament; statt dessen erzählte er den Leuten Geschichten. Er malte Bilder von Vögeln und Blumen, von Fischern und ihren Netzen, von Senfkörnern und Bäumen. Und die übermittelten Wahrheiten blieben den Menschen so gut haften, daß Geschichten für uns aufgeschrieben wurden, damit auch wir davon lernen können. In hitzigen Debatten sprach er dialektisch, sehr oft mit einem "Ja, aber..." (eigentlich eher ein "Ich aber sage euch...) und in deutlichen Worten. Er war aber auch häufig existentiell in seinen Gesprächen. Er gebrauchte Gleichnisse, Metaphern und Wunder, alles existentielle Wege, um etwas zu vermitteln.

 

Übrigens glaube ich, daß die Entwicklung in Europa mehr zu einer existentiellen Logik in unserem Denken hingeht. Die meisten Deutschen der jüngeren Generation denken nicht mehr dialektisch, so wie die ältere Generation. Sie kommen aus der Rockmusik-kultur, wo Menschen Erfahrungen machen und dadurch zu Schlußfolgerungen kommen. Genauso ist es in Großbritannien. Deshalb müssen wir erkennen, daß die jüngere Generation, wenn wir sie mit Jesus bekanntmachen wollen, auf die gleiche nüchterne, auf Tatsachen basierende Präsentation der Botschaft nicht reagiert, die die ältere Generation akzeptiert hat. Sie reagieren viel eher auf eine Präsentation, die auf persönlicher Erfahrung beruht. Das ist meiner Meinung nach eine der größten Heraus-forderungen für uns.


III. Wie man zwischen unterschiedlichen Kulturen Brücken baut



Schließlich möchte ich noch ein letztes Gebiet ansprechen, nämlich, wie wir nun mit all diesen Informationen umgehen sollen, und wie wir Brücken zwischen verschiedenen Kulturen, zwischen verschiedenen Völkern bauen können.


III.A. Offene Augen



Der erste Schritt ist, offene Augen zu haben. Es ist wichtig, Dinge zu bemerken, deshalb rede ich hier auch mit Euch. Wenn Euch solche Probleme begegnen, braucht Ihr nicht überrascht zu sein und meinen, das sei ungerecht, sondern Ihr könnt daran erkennen, daß es ein breites Spektrum verschiedenster Menschen gibt.

 

 


III.B. Bereitschaft



Der zweite Schritt ist Bereitschaft. Wie gehe ich mit dem um, was ich sehe? Schreibst Du die andere Person ab, ignorierst sie, weil sie anders ist? Oft meinen wir, jemand anders sei dumm, nur weil er anders ist und nicht auf die gleiche Art kommuniziert, weil er nur Geschichten erzählt und ein Thema nicht richtig ausformuliert; weil er keine Entscheidungen treffen will, sondern lieber andere mit einbezieht, oder umgekehrt? Oder reagieren wir negativ auf die andere Person? Das ist genauso falsch. Manchmal ärgern wir uns oder fühlen uns getäuscht, wenn jemand anders ist. Oder aber, wir gebrauchen diese Informationen und das, was wir mit unseren offen Augen wahrge-nommen haben, zu seinen Gunsten, um dem anderen zu helfen, so daß wir auf der gleichen Seite kämpfen. Ich meine, daß eine der Schlüsselfragen, wenn es um Kom-munikation oder um Einheit unter Christen geht, die ist, ob wir uns bewußt dafür entscheiden, uns auf die Seite des anderen zu stellen. Man kann die ganzen Infor-mationen, die man über jemanden gesammelt hat, für oder gegen den anderen verwenden.

 

Ich habe mit einer Gruppe von Menschen zu tun, bei denen eine gewisse Empfindlich-keit in einigen Beziehungen zu Kontaktpersonen außerhalb von CfC besteht. Man versucht, dieses Problem zu lösen, indem man bei jedem Treffen neue Regeln aufstellt.

 

Man kommt zusammen und hat dann allerlei Beschwerden, jeder über den anderen.

 

"Wir wollen neue Regeln aufstellen!", heißt es dann. Daraus wird schnell ein dickes Gesetzbuch, das aber zu keiner Lösung führt, denn jede Regel, die aufgestellt wird, jede Entscheidung, die getroffen wird, wird gegeneinander gebraucht. Regeln werden so zu Werkzeugen, mit denen man andere verletzt. Es kann also nicht darum gehen, die richtigen Regeln zu haben, sondern es geht um die richtige Haltung. Das ist ganz wichtig. Bin ich bereit, dem anderen wirklich zuzuhören und zu fragen: "Was meint er tatsächlich damit?" Und nachzuhaken: "Weißt Du, ich habe leider nicht ganz ver-standen, was Du gemeint hast, könntest Du es mir noch einmal erklären?" Oder zu umschreiben: "Hast Du dies und das gemeint?" Der andere sagt vielleicht: "Nein, das habe ich nicht gemeint." - "Könntest Du es mir bitte näher erklären?" Nehmt Euch Zeit zum Gespräch. Nehmt teil am Leben des anderen, wenn Ihr mit ihm redet. Drückt aus, was Ihr denkt, und bittet ihn, auf das, was er verstanden hat, zu antworten.

 

Bleibt nicht bei einer Gegenüberstellung stehen. Der eine sagt etwas, und der andere ant-wortet: "Das hast Du gesagt." - "Nein, das habe ich nicht gesagt!" - "Doch, das hast Du gesagt!" Das ist sinnlos. Fragt lieber: "Was hast Du verstanden?", und sagt dann: "O, tut mir leid, ich habe mich falsch ausgedrückt, kann ich das noch einmal anders sagen?" Nehmt die Schuld auf Euch, dadurch baut Ihr Brücken.


III.C. Akzeptiere die Unterschiede



Der dritte Schritt ist, die Unterschiede zu akzeptieren, und nicht zu denken, daß Deine Logik besser sei, sondern zu verstehen, daß wir verschieden veranlagt und unter-schiedlich erzogen sind. Verschiedenheit muß keine Bedrohung bedeuten, sie stellt vielmehr eine Bereicherung für den Leib Christi dar. Ich erinnere mich daran, wie ich als junger vollzeitlicher Mitarbeiter im christlichen Dienst - ich war ungefähr 30 - Einladungen von zwei Bewegungen erhielt, bei ihnen mitzuarbeiten. Eine dieser Bewegungen besaß eine klar definierte Glaubensgrundlage und eine sehr gute evange-likale Lehre. Die andere Bewegung war sehr offen angelegt und nicht so gut definiert.

 

Jeder in dem gut aufgebauten Werk erwartete, daß ich bei ihnen mitarbeiten würde. Sie waren überrascht, als ich mich für das andere Werk entschied. Sie drängten mich richtig in die Ecke und wollen meine Gründe wissen. Tatsächlich mußte ich mir erst einmal selbst darüber klarwerden. Im Grund entschied ich mich für das Werk, mit dem ich jetzt arbeite, weil ich anders denken darf als manche der anderen Mitarbeiter. Ich habe die Freiheit, ich selbst zu sein, auf meine Art zu denken, und die anderen haben die gleiche Freiheit. Wir passen zusammen. Wenn ich bei der anderen Bewegung mitarbeiten würde, müßte ich genauso denken und glauben, wie ihre Glaubensgrund-lage das vorschreibt. Und die ganze Zeit über würde ich mir eingesprerrt vorkommen, weil ich nicht die Freiheit hätte, anders zu denken oder mich zu verändern. Das würde mir nicht genug Freiraum lassen.

 

Es liegt ein Segen auf der Verschiedenartigkeit. Die Einheit im Leib Christi basiert nicht auf der Ähnlichkeit der Christen untereinander, sondern auf ihrer Unterschied-lichkeit. Es ist ein Leib mit unterschiedlichen Gliedern; wenn alle Glieder des Leibes genau gleich wären, hätte niemand dem anderen etwas zu geben, und er könnte nichts vom anderen empfangen, und so würde die Beziehung zugrunde gehen. Aber weil wir unterschiedlich sind, haben wir unseren Beitrag zu geben, und der andere seinen. Auf der ganzen Welt gibt es keinen Christen, von dem ich nicht irgend etwas lernen könnte, weil er eine einzigartige Schöpfung ist. Und wenn er Christus erst gestern in sein Leben aufgenommen hat, hat er mir heute ein einzigartiges Zeugnis zu erzählen. So werden Beziehungen spannend, weil wir Lernende und einzigartige Menschen sind.

 

Wenn zwei Menschen immer übereinstimmen, ist einer von ihnen überflüssig, weil sie einander nichts Neues geben können. Wenn wir uns also weigern, unterschiedliche Menschen zu akzeptieren, weigern wir uns in Wirklichkeit, uns bereichern zu lassen und zu wachsen. Es gibt viele Menschen, die sich nicht mehr verändern, wenn sie erst einmal 25 oder 35 sind. Das ist wirklich eine Tragödie, denn Du kannst nicht wachsen, wenn Du Dich nicht veränderst. Also sei offen! Es gibt sowieso schon zu viel Eng-stirnigkeit im Leib Christi, und diese entstammt einer gewissen Unsicherheit, daß Leute immer denken, daß dort, wo Wahrheit und Irrtum sich treffen, der Irrtum siegt und die Wahrheit unterliegt.

 

Wenn man so denkt, muß man Mauern um seine Theologie herum bauen, um seine Kommunikationsmuster, seine Diskussionsmethoden, seine Gemeinde oder was es sonst noch sei, um die Wahrheit vor dem Irrtum zu schützen. Wenn Du aber erlebst, daß dort, wo Wahrheit und Irrtum sich begegnen, die Wahrheit gewinnt, dann erkennst Du, daß diese Mauern Dich in Wirklichkeit am Sieg hindern, und Du willst sie alle niederreißen, weil Du weißt, daß am Ende immer die Wahrheit siegt. Du kannst eine andere Art zu denken haben, eine andere Meinung, und Du kannst die Andersartigkeit Deines Gegenübers annehmen, weil genau das die Dynamik fördert, die eine Verän-derung ermöglicht. Du weißt, daß Du gewinnen wirst, wenn Du die Wahrheit hast, und wenn Du sie nicht hast, gewinnt doch die Wahrheit, und sie wird Dich zum Besseren verändern. Wenn Du offen bist und die beste Antwort finden willst, dann wirst Du nie wirklich verlieren.


III.D. Klare Ziele und Strukutren



Der vierte Weg, wie man Brücken baut, ist, daß man klare Ziele und klare Strukturen hat. Versuche immer zu klären, wo Du hinwillst. Was sind die Ziele? Nicht die Methode, sondern zuerst die Ziele. Es gibt vielleicht viele Wege, um diese Ziele zu erreichen, doch solange Du nicht weißt, wie die Ziele lauten, kannst Du nie wirklich wissen, welches der beste Weg ist, um sie zu erreichen. Manchmal reden Menschen über Methoden und Arbeitsweisen, bevor sie wissen, wo sie eigentlich hinwollen. Je klarer Ihr gemeinsam Eure Ziele definieren und durchbuchstabieren könnt, und je besser Ihr Euch darüber einigen könnt, desto weniger Probleme wird es mit der Kommunikation geben.

 

 


III.E. Liebe



Der fünfte Punkt ist wichtig: Liebe. Liebe heißt, im Gespräch die Bedingungen des anderen zu übernehmen. Du trittst aus Deiner Kultur, Deiner Logik und Sprache heraus. Du verlangst nicht von jedem auf der Welt, daß er finnisch oder deutsch lernt, sondern Du gehst ihm entgegen und nimmst die Anstrengung auf Dich, die es kostet, in seiner Sprache zu kommunizieren, auf dem Gebiet, wo der andere stark ist und Du schwach. Auf diese Weise zeigst Du eine dienende Haltung. Christus rief nicht vom Himmel herunter: "Es gibt Hoffnung! Hier ist sie! Ihr könnt sie auch finden! Klettert einfach in den Himmel hinauf, dort ist sie." Er kam herab. "Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns." Und er lebte unter unseren Bedingungen. Er ging durch alle Probleme, durch die ein Mensch gehen kann.

 

Noch bevor er zwei Jahre alt war, war er einer der Flüchtlinge im Mittleren Osten. Er durchlebte das Teenageralter, wo ein Mensch die Rechte eines Kindes hat, aber doch die Verantwortung eines Erwachsenen. Lukas erzählt davon, wie Jesus im Alter von zwölf Jahren in Jerusalem den Generationenkonflikt am eigenen Leib erlebte. Er hatte mit Unververständnis und Obdachlosigkeit zu kämpfen. Er war so erschöpft, daß er mitten während eines Sturmes in einem kleinen Boot schlief. Er ging durch Trauer und Schmerz, als er seinen Freund Lazarus verlor, und er weinte. Er wußte, was es heißt zu leiden. Das ist Jesus, und ich glaube, daß er ein sehr gutes Beispiel für die Liebe ist, die sich auf die Ebene der Menschen herunterbegibt. Wenn wir diese Liebe bekommen und selber durch Glauben lieben, dann können wir die Unterschiede wirklich akzeptieren.

 

Am deutlichsten erkannte ich das 1967 auf meiner ersten Tagung von Campus für Christus in Amerika. Während ich dort war, brach der Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und Ägypten aus. Auf der Tagung waren Menschen aus 36 Nationen, unter anderem einige jüdische und einige ägyptische Christen. Als dieser Krieg ausbrach, erwartete die ganze Welt den Anfang des Dritten Weltkrieges, und wir alle hatten Angst. In einer der Kaffeepausen stand ich bei einer Gruppe von Männern, von denen einer ein jüdischer Christ war. Dann sah ich eine Gruppe von drei oder vier Männern auf uns zukommen. Als ich sie genauer betrachtete, sah ich plötzlich, daß einer von ihnen ein ägyptischer Christ war. Der jüdische und der ägyptische Christ sahen einander nicht, bis sie nur noch ungefähr drei Meter voneinander entfernt waren. Dann stand die Zeit still. Keiner bewegte sich. Wir konnten die Spannung greifbar in der Luft spüren. Am gleichen Tag waren ihre Landsleute dabei, einander tausendfach zu töten. Sie starrten einander an und vergaßen alles andere um sich herum. Sie sahen sich nur in die Augen. Nach zwei, drei, vier Sekunden gingen sie ein paar Schritte vorwärts, nahmen sich in die Arme und weinten. Das war ein sehr gefühlsgeladener Augenblick. Aber ich sah, wie die Grenzen durch die Liebe Christi niedergerissen wurden. Da war etwas, das größer und mächtiger war als der Haß, der zwischen ihren Kulturen, Religionen, Völkern und politischen Strukturen herrschte. Sie hatten in der Liebe Christi die Antwort gefunden. Nur das Kreuz kann diese interkulturellen Unterschiede überbrücken. Diese Antwort findest Du, wenn du zum Kreuz Jesu Christi kommst.


III.F. Erweckung



Mein letzter Punkt ist Erweckung. In Mitarbeiterteams beginnen die Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen oft dort, wo Erweckung aufhört. Wenn es Erweckung gibt und Menschen zu Jesus finden, wachsen sie. Sie haben Wachstums-schmerzen und Wachstumsprobleme, und sie sind auch erschöpft. Aber sie haben keine Zeit, um über diese zermürbenden "Kleinstprobleme" zu debattieren (z.B. Wer hat Recht und wer nicht? Sollen wir die Kaffeepause um halb elf oder um elf Uhr machen?) Solche Fragen können für einige Leute manchmal zu großen Problemen werden. Bete, daß der Herr Dich zu einem Förderer von Erweckung macht, daß Du mit so wichtigen Dingen beschäftigt bist, daß Dich die kleineren Probleme, die so oft Uneinigkeit und Mißmut verursachen, gar nicht berühren (z.B. der Wettstreit um die Hackordnung, oder wer leiten kann und wer nicht, oder ob man die Treffen pünktlich beginnt etc.) Das sind alles Unwichtigkeiten. Behalte das, was wichtig ist, im Auge. Und wenn Menschen anfangen, ängstlich zu werden, wenn ihre Perspektive schief wird und sie zu viel Wert auf kleine Dinge legen, dann rücke liebevoll ihre Perspektive wieder zurecht und sage: "Da ist so viel, was uns eins macht."

 

Vor einigen Wochen sprach ich mit einem Theologen in Finnland. Die lutherische Kirche in Finnland hat entschieden, Frauen zum Pastorenamt zuzulassen. Es läuft eine hitzige Diskussion zu dem Thema. Ein Mann kam auf mich zu und wollte meine Meinung wissen. Ich bin kein Experte auf dem Gebiet, und so sagte ich: "Ich möchte gerne dem ganzen Leib Christi dienen." Aber er war sehr stark und sagte: "Sie sollten nie an Orte gehen, wo ordinierte Frauen wirken, und auch nicht mit ihnen zusammen-arbeiten.", usw. Darauf meinte ich: "Ich werde darüber nachdenken, aber ich bin nicht bereit, in diesem Punkt so absolut Stellung zu beziehen, denn ich bin dazu berufen, jedem Menschen auf der Welt das Evangelium zu bringen. Ich kann nicht sehen, daß Pastorinnen in meiner Bibel vom Missionsauftrag ausgeschlossen sind." Er erwiderte: "Nein, sie liegen falsch, wir können nicht zusammenarbeiten."

 

Und ich bat Gott: "Bitte, hilf mir! Zeig mir, was ich sagen soll!" Und ich sagte zu diesem Mann: "Machen wir doch eine Liste von allem, was uns verbindet." Und wir begannen mit dieser Liste: "Jesus starb für uns beide, er errettete und beide, uns wurde vergeben, wir haben die Bibel, wir haben sogar das Glaubensbekenntnis der frühen Christenheit gemeinsam, wir kommen beide in den Himmel und werden die Ewigkeit zusammen verbringen...." Wir fanden etwa 20 Punkte. Und dann fragte ich: "Wieviel Prozent der ganzen Wahrheit, meinen Sie, macht diese eine Frage aus?" Wir erkannten, daß sie beträchtlich weniger als ein Prozent von all dem, was uns verbindet, ausmachte. Dadurch, glaube ich, half ihm Gott, die richtige Perspektive zu bekommen: nicht einen Punkt, der uns trennen könnte, herauspicken, sondern als Brüder übereinstimmen, zusammenarbeiten und einander segnen. Das hat sehr geholfen, denn es war eine größere Perspektive.

 

Wenn Gott Dir einen erwecklichen Geist gibt, heißt das, daß er Dich von kleinen Fragen loslöst und Dir eine weite Perspektive gibt. Dann kannst Du den Menschen dienen, indem Du ihnen ein größeres Bild malst und und ihnen zeigst, daß Gott große Dinge in der Welt tut.

 

Wir wollen uns jetzt Zeit zum Beten nehmen. Seid still vor dem Herrn, jeder für sich alleine, und bittet Gott, Euch zu helfen, damit Ihr sehen könnt, wie Ihr zu den Bedin-gungen des anderen kommunizieren könnt. Vielleicht fällt Dir eine praktische Situation oder eine bestimmte Beziehung ein, dann kannst Du darüber nachdenken und sie dem Herrn bringen. Bitte Gott, Dir die Bereitschaft zu schenken, in diesen Beziehungen lieber ein Teil der Lösung zu sein als ein Teil der Probleme.

 

"Danke, Vater, daß Du uns dazu berufen hast, uns mit unseren Teampartnern und mit den Sündern auf eine Seite zu stellen. Jesus, Du hast die Grenze zwischen Himmel und Erde überschritten, wurdest Fleisch und lebtest unter uns Sündern. Du hast uns geliebt und uns Deine Gedanken vermittelt, indem Du auf unsere Gegebenheiten eingegangen bist. Hilf uns, in unserer Kommunikation untereinander das Gleiche zu tun. Hilf uns zu lieben. Hilf uns, die Füße derer zu waschen, die uns Schmerzen zufügen und Uneinig-keit, Mißverständnis und Sorgen verursachen. Hilf uns, uns mit ihnen zu identifizieren, damit wir nicht versuchen, sie zu ändern, sondern uns selbst, um ihnen Deine Liebe und Deine Botschaft zu bringen.

 

 

Gibt uns den Funken der Erweckung, damit wir nicht an Nebensächlichkeiten hängen-bleiben, an Definitionen, Wörtern und theologischen Fragen, sondern in jeder Situation Deine Wirklichkeit widerspiegeln, Deine Größe, Deine Liebe, Deinen versöhnenden Geist. Wir kommen zum Kreuz, damit uns vergeben wird. Vergib uns unsere mangelnde Sensibilität, unsere Trägheit, wenn es um Veränderung geht, unseren Egoismus, mit dem wir für unsere eigenen Rechte kämpfen, und hilf uns, für die anderen zu leben, für unsere Brüder und Schwestern, oder sogar für die, die noch nicht unsere Brüder und Schwestern sind, die aber durch Deine nie versagende Liebe gewonnen werden.

 

Amen."


Kalevi Lehtinen, 1988

© Campus für Christus


 

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