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  Die Analogie zwischen den Begriffen des naturwissenschaftlichen Denkens und jenen der Welt des Glaubens

Manche Leute lehnen die Evolutionstheorie oder die Darwin'sche Vererbungslehre mit der Begründung ab, in der Bibel stünde klar und unmissverständlich, Gott hätte den Menschen direkt erschaffen. Bevor ich zu den möglichen Methoden zur Interpretation der Bibel komme, möchte ich im Folgenden zuerst an Hand eines etwas ausführlicheren Beispiels aus der Mathematik zeigen, wie es in der Wissenschaft gang und gäbe ist, die Begriffe, die man zur Darstellung eines rein spekulativen Sachverhalts verwendet, frei zu wählen aus reinen "Zweckmäßigkeitsgründen" und damit zu operieren, solange sie zur Beschreibung von Dingen des täglichen Lebens genügend passen.

 

Zum Beispiel kennen wir in der Mathematik den Begriff des Vektors. Ein Vektor ist ein mathematisches Gebilde, also kein reales Ding, sondern ein rein abstraktes Gebilde menschlichen Denkens. Einen Vektor kann man nicht sehen. Er wird zwar gewöhnlich, um ihn bildlich zu veranschaulichen, als ein Pfeil dargestellt, dessen Länge und Richtung die Bestandteile seiner Definition enthalten sollen. Aber das macht ihn eigentlich schon zu etwas Anderem, als er tatsächlich ist. Ein Atom kann man auch nicht sehen. Um es grob zu veranschaulichen, wird es als eine Kugel dargestellt, welches von kleineren Kugeln umkreist wird. In Wirklichkeit ist ein Atom ein Ding, welches keine Kugel ist, sondern durch vielerlei komplexe Eigenschaften definiert ist, die man viel genauer mit mathematischen Formeln beschreiben kann, als mit Bildern oder Worten. Die Mathematik beschreibt aber nicht die Dinge selbst, sondern nur Abstraktionen von ihnen. Man kann damit aber jemand anderen informieren, mit besserem Verständnis Eingriffe in die tatsächlich reale Natur zu machen. Mit den Begriffen der Bibel verhält es sich wahrscheinlich ähnlich.

 

Doch vorerst noch etwas zur Mathematik: Ein Vektor wird dazu verwendet, um physikalische Größen zu kennzeichnen wie etwa eine Kraft, eine Geschwindigkeit etc. Der Mathematiker Duschek hat den Vektor im mathematischen Sinne exakt definiert einfach als "eine Anordnung von Zahlen". Ein Vektor ist also eine Anordnung von Zahlen, die man Komponenten nennt. Man könnte also sagen: Ein Vektor ist etwas, was aus Komponenten besteht (die die Form von Zahlen haben). Weiter ist ein Vektor definiert durch ein paar weitere Eigenschaften, wie etwa, daß man Vektoren nach bestimmten, vereinbarten Rechenregeln addiert und multipliziert. Es wird also ein fiktiver Begriff unter dem Namen Vektor mit fiktiven Eigenschaften ausgestattet. Nachdem man diesen Begriff des Vektors ausreichend mit Eigenschaften ausgestattet hat, ist er hinreichend definiert und man kann damit operieren. Man kann damit geistig evidente Sachverhalte darstellen und transportieren. Die mathematischen Begriffe werden gebildet durch Abstraktion aus den täglichen Erfahrungen mit realen Dingen. Man läßt durch Abstraktion alle nicht interessierenden Eigenschaften weg und idealisiert das Übrige.

 

Zum Beispiel: Eine Gerade ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten. Man kann eine Gerade nicht sehen, aber jeder weiß, was das ist. Diese aus der Abstraktion übrig bleibenden Gebilde scheinen sehr exakt definiert zu sein, aber kaum, daß man zum Beispiel das geradlinig-rechtwinkelige Koordinaten-System der Schulgeometrie verläßt, bekommt der Vektor neue Eigenschaften dazu, ohne die er in dieser neuen Umgebung nicht mehr existieren könnte und er verändert sich völlig in seiner Form. In einem krummlinigen Koordinaten-System besteht er nämlich aus zwei Darstellungsarten, die gleichberechtigt eine aus der anderen hervorgehen. Doch die Wissenschaft kennt verschiedene Geometrien und man sagt, alle Geometrie ist die Invarianten-Theorie. Hier leiden die Mathematiker daran, daß der Geometrie jeder Anschaulichkeits-Gehalt fehlt und daß sie nur aus Zahlen und Symbolen besteht. Den Übergang von einer Geometrie in eine andere nennt man Transformation. In bestimmten Geometrien treten plötzlich große Zweifel auf, was denn ein Vektor nun sei, nachdem er doch bisher als vollkommen exakt definiert erschien. Man sagt, der Vektor ist dadurch definiert, daß er bei dieser und jener Transformation sich so oder so verhält.

 

Damit will ich ausdrücken, daß die Begriffe, die uns so selbstverständlich, klar und eindeutig erscheinen, in einer anderen Umgebung plötzlich ohne eine ergänzende Definition gar nicht mehr als solche verstanden werden können.

 

In der Bibel werden andere Begriffe verwendet als in der Wissenschaft. Zum Beispiel: Gott, Glaube, Engel, Himmel, Hölle, Schöpfung usw. In der Wissenschaft ist der Begriff des Glaubens ausgeklammert. Er wird nicht verwendet. Aber es wäre leicht denkbar, daß die Begriffe einer religiösen Sachverhaltsdarstellung in einer bestimmten "Umgebung", also unter bestimmten Zusammenhängen durch fiktive Eigenschaften ausgestattet werden und damit sind sie für einen bestimmten Verwendungszweck definiert und verwendbar, um irgendeine Aussage zu transportieren.

 

Doch was die Bibel anlangt: Die Mathematik beschreibt nicht die realen Dinge des täglichen Lebens, sondern sie operiert mit frei gewählten fiktiven Abstraktionen. Ich meine, daß das bei der Bibel nicht anders ist. Natürlich ist es keine zwingende Notwendigkeit, Mathematik zu betreiben, vielmehr tue ich das, weil ich viel Freude damit habe. Der Mensch tut das sozusagen zum Lobpreis Gottes, der ihm diesen blühenden Verstand gegeben hat. Aber es ist keine Notwendigkeit Mathematik zu betreiben. Es ist im täglichen Alltagsleben meist auch keine Notwendigkeit über Bibeltexte zu sprechen, aber wir tun es, um ganz andere Sachverhalte in verschlüsselter Form zu beschreiben und zu transportieren. Wir tun es zum Lobpreis Gottes, der uns diesen Verstand und diese Lebensfreude gegeben hat.


Ein Beispiel: Wir definieren was ein Engel ist, indem wir ihn mit fiktiven Eigenschaften ausstatten:
  1. Ein Engel ist ein vollkommen unschuldiges Wesen, egal wie es aussehen mag
  2. Ein Engel ist weder Knabe noch Mädchen, also geschlechtslos
  3. Ein Engel ist sehr schnell zur Stelle, was in Bildern mit Flügeln symbolisiert wird
  4. Ein Engel ist ein Bote Gottes
Nun, bei dieser Definition komme ich nicht umhin, in ihr eine sehr starke Analogie zu der Art und Weise zu sehen, wie in der Mathematik und Physik die abstrakten Begriffe gebildet werden. Ich kann mir daher nicht vorstellen, wo da der Gegensatz zwischen den Wissenschaften und der Bibel zu finden sein soll ?

Erich Foltyn


 

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