
Wie nahm der christliche Glaube seinen Anfang? Was war das auslösende Moment? Wie kam es zu den ersten christlichen Gemeinden? Was haben sie gelehrt und geglaubt? Wie haben sie gelebt? Was ist dann im Laufe von 2000 Jahren aus diesem Glauben geworden? Wie hat er sich verändert? Welche christlichen Kirchen und Gemeinden gibt es heute?

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Die Reformation in England im 16. Jahrhundert
Auch in England gab es protestantische bzw. evangelische Reformen, die
allerdings zuerst mit politischen Turbulenzen begannen. Es ging um die Person und
das Liebesleben von Henry VIII 1509-57. Henry heiratete nach der Thronbesteigung
1509 die Spanierin Katharina von Aragon. Später aber verliebte er sich in die
englische Anne Boleyn. Als Katharina ihm keinen Sohn schenken konnte, verfolgte
er die Scheidung.
Henry war ein strenger Katholik und bekam vom Papst den Titel "Verteidiger des
Glaubens", weil er den Lutherismus heftig verdammte. Doch nun schrieb eben dieser
Henry ein Bittgesuch nach Rom, um sich scheiden zu lassen - ein in der katholischen
Kirche unvorstellbarer Vorgang. Nicht einmal das Oberhaupt der englischen
katholischen Kirche, Kardinal Wolsey, konnte hier weiterhelfen. Im Jahr 1529
kam es zum Bruch, Henry entließ Wolsey und setzte stattdessen Thomas
Cranmer (1489-1556) als Erzbischof von Canterbury ein. Cranmer annulierte
Henries Ehe und alle finanziellen, rechtlichen und administrativen Verbindungen
nach Rom wurden abgebrochen. In einem parlamentarischen Akt wurde Henry zum
Führer der Kirche von England erklärt. Im Jahr 1533 heiratete Henry schließlich
die geliebte Anne. Henry hatte sich von Rom gelöst, behielt aber den römischen
Ritus bei und verfolgte Lutheraner, Baptisten und Wiederhäufer und alle
Bibelübersetzer.
Unter der Herrschaft Henries kam es zu einer speziell englischen Form des
Protestantismus, der anglikanischen Kirche. Es begann damit, daß Thomas
Cromwell (1485-1540) Bibeln in allen Kirchen auslegen ließ, um sie öffentlich
zu lesen. Cranmer beschrieb in den Ten Articles von 1536 seine spezifische
Ausprägung der protestantischen Theologie für England. Hier wurden einige
katholische Lehren wie die Transsubstantiationslehre beibehalten, aber auch
evangelische Elemente übernommen, so etwa die Rechtfertigung durch den Glauben und das
Bekenntnis zu Jesus Christus. Cranmer identifizierte nur drei Sakramente:
Taufe, Mahl des Herrn (Abendmahl) und Buße/Beichte. Cranmer diente auch Henries
Nachfolger Edward VI (1547-53) und ermutigte ihn zum Protestantismus.
Im Jahr 1549 wurde von einer Gruppe unter Cranmer das Book of common Prayer
(Gebetsbuch) herausgebracht. 1553 veröffentlichte Cranmer 42 Artikel der Religion,
welche den Glauben der Kirche von England definierten. Edwards früher Tod brachte
Maria I (1553-58), Henries älteste Tochter, an die Macht. Sie folgte ihrer Mutter
Katharina von Aragon, in der kompromißlosen Verfechtung des Katholizismus.
Hunderte protestantischer Kirchenführer wurden hingerichtet. Doch nach ihrem
Tod kam es zu einer heftigen Reaktion in Richtung des Protestantismus und einer
selbstbestimmten englisch-nationalen Kirche. Elisabeth I 1558-1603, die
Tochter von Henry und Anne Boleyn, versuchte im Anschluß die zwischen
katholischen und protestantischen Extremisten gespaltene Nation zu einigen
und wurde zur eigentlichen Begründerin des Anglikanismus. In Bezug auf die Lehre
war die anglikanische Kirche nahe am Calvinismus, doch in der Praxis wurden
viele katholische Elemente beibehalten.
Tyndale (1494-1536) war ein Gelehrter in Griechisch und Hebräisch. Er
widmete sein Leben der Aufgabe, eine englische Übersetzung des Neuen und Alten
Testaments zu schaffen, die sogar ein "Junge, der den Pflug treibt" verstehen
könne. Tyndale ging nach Deutschland, um hier in relativer Sicherheit an seiner
Übersetzung arbeiten zu können. Die Übersetzung des neuen Testaments wurde 1525
fertiggestellt und bis 1530 in 15.000 Kopien gedruckt und nach England
geschmuggelt. Dort wurde von der katholischen Obrigkeit jedes auffindbare Exemplar
verbrannt. Doch sie konnten die Verbreitung des "Wortes Gottes" nicht
stoppen. Tyndale wurde gefangengenommen und getötet, bevor er seine Übersetzung
des alten Testaments vollenden konnte.
Der Glaube der Monarchen hatte in der Regel einen wesentlichen Einfluß auf die
Entwicklung des Glaubens eines Landes und darüber hinaus. Wo die Monarchen
katholisch blieben oder sich zum evangelischen Glauben bekehrten, tat dies oft
auch die Mehrheit ihrer Untertanen. In Spanien und Italien wurde jedes Aufkeimen
des protestantischen Glaubens unmittelbar ausgelöscht. In Frankreich führte
königliche Opposition dazu, daß der evangelische Glaube eine Minderheit
blieb. Es ging mehr um Macht als um die Inhalte des Glaubens. Von Henry von
Navarre, der sich zum Katholizismus bekehrte um das Königtum erlangen zu können,
wird der Satz überliefert: "Paris ist eine Messe wert."
Eine unbeabsichtigte Nebenwirkung der Reformation war es, daß der Staat mehr
Macht über die Kirche bekam. Dieser Prozess hatte schon vor der Reformation
eingesetzt und stand mit ihr in enger Wechselwirkung. Die Suche der Kirche
nach Unabhängigkeit vom Staat war nur in jenen Ländern erfolgreich, in denen
entweder die katholische Kirche unangefochten die Herrschaft hatte oder wo
die protestantischen Reformer sich von aller Bevormundung befreit hatten, etwa
in Schottland oder den Niederlanden.

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