
Wie nahm der christliche Glaube seinen Anfang? Was war das auslösende Moment? Wie kam es zu den ersten christlichen Gemeinden? Was haben sie gelehrt und geglaubt? Wie haben sie gelebt? Was ist dann im Laufe von 2000 Jahren aus diesem Glauben geworden? Wie hat er sich verändert? Welche christlichen Kirchen und Gemeinden gibt es heute?

|
|
Jansenismus, Pascal, Quietismus und die Laienbewegungen im 17. Jahrhundert
Ein wesentlicher und bleibender Einfluß der Aufklärung bestand in ihrem
Individualismus, welcher den Blick der Menschen und der Kirche von
der Gemeinschaft als einem einheitlichen Körper zu den Individuen lenkte,
aus denen diese Gemeinschaft bestand. So kam es auch zu neuen Fragen
bezüglich der Rettung des einzelnen und der persönlichen Beziehung des
einzelnen Menschen zu Gott. Reformation und Aufklärung gingen hier in
nicht wenigen Fragen Hand in Hand.
Im Jahr 1640 wurde eine einflußreiche Schrift "Augustinus" veröffentlicht.
Autor war der kürzlich verstorbene flämische Theologieprofessor
Cornelius Otto Jansen (1585 - 1638). Jansen, der Professor für
Exegese und Rektor des Saint Pulcherie Seminars in Louvain
gewesen war, analysierte in seinem dicken dreibändigen Werk die
Sicht des Augustinus zur Predestination (Vorherbestimmung), der
Sündigkeit des Menschen und der errettenden Gnade Gottes durch Jesus
Christus.
Jansen griff in seinen Schriften die theologische Basis für die Jesuiten
an. Er sah ihre optimistische Sicht des Menschen als falsch an und wandte
sich gegen die Leichtigkeit, mit der Vergebung für die Sünden eines
Menschen ausgesprochen wurde. Seine Anhänger, die Jansenisten genannt
wurden, vertraten die Auffassung, Absolution sollte nur dort erteilt
werden, wo jemand seine Umkehr ernsthaft lebe. Die Kommunion solle mit
großer Furcht und Achtung gefeiert werden. Papst Innocent X verdammte
in der Bulle "Cum Occasione" die Lehren Jansens, insbesondere seine
Prädestinationslehre. Im Jahr 1713 wurde durch Papst Clement XI
auch die Lehre der Jansenisten verdammt und im 18. Jahrhundert hatten
diese weitreichende Verfolgungen in Frankreich zu erleiden. Trotz
dieser Unterdrückung führten Persönlichkeiten wie Antoine Arnauld und
Jean Du Vergies dazu, daß die Gedanken Jansens weitergetragen wurden.
Bekanntester Jansenist war der Mathematiker, Philosoph und Wissenschaftler
Blaise Pascal (1623-62). Seine Schrift "Gedanken" (Pensees), die
posthum 1670 erschienen, brachten seine Überzeugungen in brillianter
Weise zum Ausdruck. Pascal war der Überzeugung, daß wenn auch die
Gültigkeit der christlichen Überlieferung offensichtlich ist durch
die Macht ihrer Offenbarung und ihre Spur in der Geschichte, so kann sie
doch nur wahrhaft gewußt werden durch eine persönliche Beziehung
zu Gott. Nach einem Unfall im Jahr 1654 widmete Pascal sein restliches
Leben voll und ganz der Beziehung zu Jesus Christus.
Pascal beschäftigte sich intensiv mit den Möglichkeiten der Vernunft.
"Der letzte Schritt der Vernunft", so schreibt er, "ist die Einsicht
daß es eine unendliche Zahl von Dingen gibt, die über sie hinausgehen."
Und über das Herz hält er fest: "Das Herz hat seine Vernunft, welche
die Vernunft nicht kennt."
In Frankreich blühte im 17. Jahrhundert die Lehre des Quietismus. Die
Bewegung gab der christlichen Lehre weniger Gewicht und stellte die
persönliche spirituelle Erfahrung mit Gott in das Zentrum des Glaubens.
Inspiriert durch die Lehren des spanischen Priesters Miguel de Molinos
(1628 - 96) lehrte der Quietismus, daß wahres Christentum darin bestehe,
daß der einzelne sich voll und ganz in der Gegenwart Gottes verliere
durch Gebet und Meditation, nicht durch die Befolgung von Glaubenssätzen
oder durch gute Werke. Stark unterstützt wurde die Bewegung durch die
französische Mystikerin Jeanne Guyon (1648-1717), die sich angesichts
weitreichender familiärer Probleme einem "inneren" Leben widmete und
mystische Einheit mit dem Geist Gottes fand. Parallel zu den spirituellen
Bewegungen des Quietismus gründete Cardinal Bossuet (1627-1704)
eine Bibellese-Bewegung. Diese Christen versuchten, die
weltlichen Führer der Nation mit der Bibel zu erreichen. Weitere
wichtige Bewegungen waren etwa der von St. Vincent de Paul (1580-1660)
gegründete Orden zur Evangelisation und Hilfe für die Armen. Die
Schwestern der Barmherzigkeit arbeiteten unter den in
erschreckender Armut lebenden Bauern und vollbrachten so grundlegende
Arbeiten, so doch weibliche Orden bisher auf das Leben in Klöstern
beschränkt gewesen waren.
Mit der Entwicklung der Bildung des Laientums breiteten sich
Bibeln schnell in allen Ländern aus. Die römische Kirche wehrte sich
zunächst gegen das Lesen der Bibel, da sie fürchtete, ein ungeübter
Zugang zur heiligen Schrift würde nur weitere Kirchenabspaltungen
hervorrufen. Im Jahr 1752 wurden dann aber neue Übersetzungen
erlaubt unter der Bedingung, daß sie von einem authorisierten
Bibelkommentar begleitet würden. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts
entstanden schließlich mehr als 70 katholische Bibeln mit
Übersetzungen etwa ins Deutsche, Polnische, Italienische,
Spanische, Französische.

|
|
|