
Wie nahm der christliche Glaube seinen Anfang? Was war das auslösende Moment? Wie kam es zu den ersten christlichen Gemeinden? Was haben sie gelehrt und geglaubt? Wie haben sie gelebt? Was ist dann im Laufe von 2000 Jahren aus diesem Glauben geworden? Wie hat er sich verändert? Welche christlichen Kirchen und Gemeinden gibt es heute?

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Der Deismus und die Frage: wer ist Gott?
Die Aufklärung geht einher mit der Reifung einer geistigen Strömung, die
als Deismus bezeichnet wird. Der Deist glaubt an Gott, ja er sieht in
Gott den Schöpfer des Universums. Doch der Deist glaubt nicht daran, daß
dieser Gott aktiv und tätig in der Weltgeschichte und direkt im Leben einzelner
Menschen wirkt. Der Deist glaubt nicht daran, daß Gott in Jesus Christus
Mensch wurde, um die Menschen mit sich zu versöhnen. Der Deist glaubt - das
unterscheidet ihn vom Christen - nicht
daran, daß Jesus Christus sein persönlicher Retter und Herr ist.
Der Empirismus und Rationalismus fand seinen Einzug in die Kirche in Form
des Deismus. Nicht wenige der frühen Naturforscher und Philosophen des 17. und
18. Jahrhunderts glaubten an Gott, an ein intelligentes und oberstes Wesen,
das die Welt in ihrer Komplexität und Schönheit geschaffen hat. Doch dieses
Wesen schuf, so die Vorstellung, an erster Stelle die Naturgesetze, die jetzt
für den Ablauf der Ereignisse verantwortlich sind. Gott ist also weit entfernt
von der Menschheit und dem einzelnen Menschen, er ist der erste Beweger,
die "erste Ursache" aller dann folgenden Ursachen. So widmeten sich die
Forscher dann der Untersuchung eben jener Gesetze und Zusammenhänge, die
Gott der Welt gegeben hat.
John Locke (1632-1704), der als Vater der Aufklärung gilt, war ein
Christ mit starken deistischen Tendenzen. Er glaubte daran, daß a) Jesus der
Messias gewesen ist und b) daß der Christ in Einklang mit seinen Lehren leben
soll. John Locke glaubte an die Vernünftigkeit des Glaubens ("The
reasonableness of Christianity" 1695), er war
der Überzeugung, daß der Glaube nie dem widerspricht, was die Vernunft uns
offenbart. Ferner glaubte er an die Freiheit der Religionsausübung. Diese
Freiheit forderte er bis hinein in die konkrete Praxis des Glaubenslebens.
Obwohl er den christlichen Glauben zu verteidigen suchte, inspirierte seine
Theologie doch mehr die Deisten als die Christen.
Auch die Werke von Isaak Newton (1642-1727), Mitglied der Kirche
von England und ein Christ, der in Jesus den Retter sah, der von Gott für
die Erlösung der Menschheit geschickt worden war, unterstützten den Deismus.
Newton glaubte nicht an die Göttlichkeit Jesu. Für ihn war Beobachtung
und Erfahrung der einzige Weg zu wirklichem oder wahrem Wissen. Seine
Auffassungen über die Naturgesetze sollten die deistischen Philosophen
in seiner Nachfolge stark beeinflussen.
Voltaire (1694-1778) war einer der großen Gegner der katholischen
Kirche. Er wurde von den Werken von Locke und Newton beeinflußt und wandte
sich in seinen Werken gegen die Existenz eines guten und allmächtigen Gottes,
ferner gegen jede Form orthodoxen (wie katholischen, lutherischen etc)
Christentums. "Ich glaube an Gott, nicht an den Gott der Mystiker und
Theologen, sondern an den Gott der Natur, den großen Geometer, den
Architekten des Universums, den ersten Beweger, unveränderbar,
transzendental, ewig." schreibt Voltaire.
Der Einfluß von Jean-Jacques Rousseau (1712-78) brachte ebenfalls
einen starken antichristlichen Impuls. Rousseau war als Calvinist aufgewachsen,
wandte sich dann aber dem Deismus zu und schließlich der Natur. Seine
Gedanken waren eine wichtige Grundlage für die Revolutionen, die bald
Frankreich und die USA erschüttern sollten. Rousseau lehrte, daß die
Gesellschaft einen kollektiven eigenen Willen (volonte general) habe,
der unabhängig und frei von jeder göttlichen Offenbarung sei, und gegen den
die Rechte des Individuums zurückstehen müßten. "Der allgemeine Wille ist
in jedem Individuum
ein Akt des Verstandes, der, wenn die Leidenschaften schweigen, darüber
nachdenkt, was der Mensch von seinesgleichen fordern kann und was
seinesgleichen von ihm zu fordern berechtigt ist." (Diderot)
Hier vollzieht sich eine Ablösung des göttlichen Gesetzes durch rein
menschliche oder gesellschaftliche Kategorien, welche die gesamte
Neuzeit an zentraler Stelle prägen. Gott, so glaubte Rousseau, kann man nicht
näher kennenlernen. Gleichzeitig sieht Rousseau die
Religion in einer Gesellschaft in einer wichtigen Funktion zur Motivation
und Harmonisierung des Zusammenlebens. Auch hier hat aber das überlieferte
oder aktuelle "Wort Gottes", dem die Reformatoren und die Kirche folgten
oder zu folgen vorgaben, längst seine Stellung verloren und es ist die
Vernunft, welche die Herrschaft angetreten hat. Über die Vernunft und ihre
Rolle werden wir noch weiter nachzudenken haben.

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