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Bild von Alex Röhm

Hier finden sie jeden Monat eine neue Geschichte. Manchmal ist sie erfunden und oft auch erlebt. Manchmal zum Nachdenken, häufig zum Schmunzeln.

 

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Story des Monats Mai 1998


Bequeme oder ganze Wahrheit?

Genervt saß ich vor der Steuererklärung, die mich seit Tagen viel Zeit kostete, um all die Formulare, Quittungen und Reisekostenabrechnungen zusammenzusuchen. Vor mir lag die Honorarabrechnung über 10 000 Mark, die ich als Mathematiker im letzten Jahr in einem Nebenjob verdient hatte. Noch war ich ledig und hatte viele Wünsche für mein Leben: eine Eigentumswohnung, Kontinentalreisen... . Ein Jahreseinkommen von 85 000 Mark ist schon ganz in Ordnung, doch so ein Nebenverdienst ist eine gute Gelegenheit, um sich Träume zu erfüllen.

Die Honorarabrechnung werde ich nicht angeben, denn schließlich bekommt der Staat im Jahr genug von meinem Geld - was der Staat nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Als nächstes kamen die Reise- und Benzinkosten für meinen Firmenwagen. Da ist natürlich klar, daß diese Quittungen abgesetzt werden. Nach drei Stunden hatte ich meinen Lohnsteuerjahresausgleich endlich bearbeitet und etliche Nerven verloren.

Montags traf ich mich immer mit meinem Freund zum Beten. Da sprachen wir über uns, unsere Gedanken, lasen einen kurzen Abschnitt aus der Bibel und beteten für die Dinge oder Menschen, die uns persönlich beschäftigten. An diesem Abend sagte mein Freund Lars, daß er sich mehr Veränderung in seinem Glaubensleben wünscht und Gott seinen Charakter verändert. Lars wollte besser verstehen, was es überhaupt bedeutet, daß Gott unser Herz verändern will, um aus unserem alten Leben ein neues Leben zu machen. Er betete aus tiefstem Herzen, daß Gott ihm die Fehler zeigen möge, die er noch nicht bei sich selber entdeckt habe. "Was bewegt dich, für das Erkennen von Fehlern zu beten?", fragte ich ihn entgeistert. Ich kannte bisher nur die Version: "O Herr, vergib mir, daß ich…"

Lars riß mich aus meinen Gedanken:"Weißt du, ich habe neulich ein Zitat von Ghandi gelesen: "In Sachen Gerechtigkeit ist das Gesetz der Mehrheit nicht zulässig". "Ja, ja, aber es gibt eben Dinge, die macht man nur richtig, wenn man blöd ist so nach dem Motto: der Ehrliche ist immer der Dumme!, entgegnete ich ihm." Lars schwieg, und ich spürte, daß er irgendwie enttäuscht war. Ich sprach ihn nicht mehr darauf an.

In der nächsten Woche trafen wir uns wie gewohnt, doch diesmal war Lars unglücklich und glücklich zugleich. "Stell dir vor, Gott hat gleich geantwortet und etwas aufgedeckt, was ich seit Jahren schon in meinen Gedanken verdrängt hatte, und im Grunde eine verborgene Sünde war und ist", platzte Lars heraus. "Hört sich fromm an, aber was bedeutet das im Klartext, ich kann deine Begeisterung nicht ganz teilen, sagte ich.""Weißt du, ich beziehe doch seit vier Jahren Bafög, obwohl ich seit meiner Kindheit von meiner Oma ein Guthaben von 12 000 Mark auf dem Konto habe, obwohl nach den gesetzlichen Vorschriften nur 6 000 Mark Eigenkapital erlaubt sind. Das Bafögamt ist mir auf die Schliche gekommen und schickte mir gestern einen schriftlichen Bescheid, um zu der Sache Stellung zu nehmen. Ich war und bin total geschockt, weil ich das Thema Vermögen total verdrängt habe und nicht hergeben wollte, andererseits war gestern mein erster Gedanke, daß Gott mein Gebet beantwortet hat und meine Einstellung zu Geld und zu den Gesetzen verändern will." "Das kannst du so locker und leicht sagen?", fragte ich überrascht, so nach dem Motto, danke Herr, daß ich jetzt ein wenig Streß mit Behörden habe…?"

Ich habe das auch noch nie so intensiv erlebt, daß ich mich innerlich darüber freue, daß Gottes Gedanken und Gebote gut für mein Leben sind. Ja, ich weiß es nicht nur, sondern Gott hat mir auch den Glauben geschenkt, diese Korrektur so anzunehmen, obwohl ich noch keine Ahnung habe, was für Konsequenzen auf mich zukommen werden.

Es ist halt strafbar, bewußt gegen das Gesetz zu verstoßen", fuhr Lars fort. Ich habe Angst, weil ich weiß, daß ich den Behörden jetzt die Wahrheit schildern muß und ich nicht weiß, wie sie reagieren werden. Ich würde gerne mit dir beten, daß Gott mir hilft, mit welchen Worten und Weisheit ich reagieren soll. Ich glaube, daß dieser Schritt wichtig ist, Gott gegenüber meine Treue zu zeigen und ihn um Vergebung zu bitten", berichtete Lars. Ich konnte seine Entschlossenheit und innere Ruhe nicht verstehen, denn schließlich ging es um eine fünfstellige Geldsumme.

Nach einigen Tagen klingelte bei mir das Telefon und Lars erzählte mir erleichtert, wie seine erste Anhörung beim Bafögamt war. "Stell dir vor da war ein total netter Beamter, der mir noch nicht einmal richtig zugehört hat. Ich erzählte ihm alles, von dem Geschenk meiner Oma, meiner Sorge um Finanznöte im Studium und bat ihn um Entschuldigung…der Beamte schrieb irgend etwas auf und sagte, er hätte größere Fische an der Angel und fragte mich, ob der Betrag eine Schenkung gewesen sei, oder ob ich das Geld für meine Oma vorübergehend verwaltet hätte. Meine Güte, als wollte er meine Tat noch schön reden, aber ich habe die Wahrheit gesagt und meine feuchten Hände gerieben".

Nach wochenlangem Warten kam dann endlich die Nachricht: 50 Mark Bußgeld für Lars und eine Rückzahlung von 2000 Mark...im Grunde ein kleiner Teil von dem Betrag, den er zu viel erhalten hatte. Lars schwebte auf einer geistigen Wolke und dankte Gott für seine Gnade. Er rechnete aus, wieviel Bafög er zu Unrecht erhalten hatte und entschied sich, den Betrag über die nächsten Jahre an eine Gemeinde oder soziale Institution zu spenden. Tja, anscheinend war Gott wirklich gnädig gewesen. Ich nahm mir vor, beim nächsten Einkommenssteuerausgleich meine Honorarabrechnungen anzugeben. Die Geschichte mit Lars ließ mich nicht mehr in Ruhe, und ich begann, über bequemen Wahrheiten nachzudenken…meine Schwarzfahrten in der S-Bahn, die stundenlangen privaten Telefonate vom Firmentelefon aus, Parken ohne Parkschein…ich war geschockt, was mir noch alles in den Sinn kam.

Diese Erzählung beruht auf einer wahren Begebenheit.


Alexander Röhm für das





 

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