Unser Auge ist ein ungewöhnliches Organ. Wie das Ohr nimmt es unsere Umgebung wahr, verschafft uns ein klares Bild. Vorausgesetzt, es „ist hell“ um uns herum. Ausnahme: Wenn wir unsere Augen schließen, entweder weil sie uns zufallen, was auf Müdigkeit zurückzuführen ist, oder weil uns etwas blendet. Haben wir etwas im Auge, das uns den Blick trübt, dann versuchen wir es loszuwerden, durch Blinzeln oder Reiben, ggfs. auch durch Ausspülen.

Der Sehakt wird oft mit dem Verstehen verglichen. Umgibt uns völlige Dunkelheit, brauchen wir eine besondere „Licht-quelle“. Unser Verstehen ist ebenso abhängig von solchen Hilfen von außerhalb, die uns Grundlage vermitteln und Zusammenhänge „erhellen“ und damit verständlich machen.

Manchmal verschließt jemand die Augen, weil ihn/sie etwas hart trifft. Das muss nicht direkt im Auge sein, aber wir verschließen sie, damit der Impact auf unsere Person abgefangen wird. Hinter der Abbildung auf der Retina gibt es noch eine weitere Abbildung – in unserer Persönlichkeit. Dann prägen sich uns Bilder und Erfahrungen tief ein, werden festgehalten wie Licht, Farben und Schatten auf einer Fotografie.

Manchmal versuche ich mein Leben so zu verschließen, gerade vor den Sorgen und der Angst. Nur Frohes, Helles rein- und an mich ranlassen. Aber das gelingt mir nicht. In einem Lied wird das so beschrieben: „Wellen der Angst rollen auf mich zu, beklemmen und hemmen, nehmen mir die Ruh. Angst vor dem Leben, vor der Einsamkeit, dem Sterben, dem Alltag und der freien Zeit.““

Im Bericht des Arztes Lukas im Neuen Testament finden wir eine Begebenheit berichtet, in der Jesus vom Auge redet (Lukas 11,33-40). Jesus sagt, das Auge sei die Leuchte des Leibes. Das Einfallstor in unser Leben. Ein Gelehrter hatte ihn eingeladen und Jesus lag bequem bei ihm auf der Couch, denn damals verzehrte man sein Essen im Liegen. Er hatte sich vor dem Essen aber nicht die Hände gewaschen, obwohl alles dafür bereitstand. Das verwundert den orientalischen Gastgeber. Das Waschen hat für ihn nicht nur eine äußerlich reinigende Wirkung, es ist ihm als Gebot Gottes wichtig. Waschen zeigt an, dass ich rein werden möchte. Und nun setzt sich Jesus dreist darüber hinweg. Aber Jesus macht das ganz bewusst so. Er will schockieren und Sicherheiten erschüttern – hinterfragen. Der Gelehrte war von seiner Lebensphilosophie überzeugt. Aber Jesus macht ihm klar, äußerliche Reinheit verschafft noch keine wirkliche Klarheit. Sein Vorwurf: Bei dir und deinen Kollegen (die auch anwesend waren) ist es sprichwörtlich: „Außen hui und innen pfui!“ Nach außen bist du sauber, aber innerlich nicht rein. Du verschließt deine Augen vor der Realität und spiegelst nur einen falschen Schein. Mach deine Augen auf und lass das Licht in deine innere Finsternis hinein.

Sperr die Augen auf – entriegle sie! Schau dir an, was Menschen mit Jesus, dem Sohn Gottes erleben und erlebt haben. Schau dir aber auch an, was sie mit ihm am Ende gemacht haben. Der Schüler Jesu, Johannes, fasste zusammen: „Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen“, oder wie die andere mögliche Übersetzung des Wortes sagt: „die Finsternis hat es nicht überwunden“ (Johannes 1,5). Im Gespräch mit einem anderen Gelehrten erklärt das Jesus selbst: „Das Licht ist aus der Gegenwart Gottes in die Welt gekommen, aber die Menschen liebten die Dunkelheit mehr als das Licht, weil ihre Taten böse waren. Sie hassen das Licht, weil sie im Dunkeln Böses tun. Sie treten nicht in das Licht, weil sie Angst haben, dass ihre Taten aufgedeckt werden. Wer sich aber nach der Wahrheit ausrichtet, tritt ans Licht und jeder kann sehen, dass er in Verantwortung vor Gott handelt“ (Johannes 3,18-21).

Sorge und Angst, innere Dunkelheit kommt oft aus meinem Inneren. Wenn ich durch meine Sinne aufnehme was Gott für mich hat – sein Licht und seine Wahrheit – hat diese Dunkelheit letztendlich keine Chance. Mit der Wahrheit kommt das personifizierte Licht und damit lebensspendende Energie in mein Innerstes. Manfred Siebald beschreibt das passend: „Es geht ohne Gott in die Dunkelheit, aber mit ihm gehen wir ins Licht. Sind wir ohne Gott macht die Angst sich breit, aber mit ihm fürchten wir uns nicht.“ Und das wird auch nach außen hin sichtbar. So erkläre ich mir, dass Jesus das Auge mit einer Lampe vergleicht. Strahlende Augen verraten uns, dass dem Gegenüber große Freude begegnet ist. Es scheint geradezu aus dem Innern heraus.

Jesus ist deswegen so unverschämt direkt, weil er die Schatten und dunklen Seiten erhellen will. Das geht aber nur, wenn wir unsere Zugänge öffnen, unsere Augen und unser Inneres nicht abdunkeln. Dann erhellt sein Licht unser Leben und die Umstände. Wie starkes Licht uns zunächst blendet, so geht dieses Licht durch und durch.

Und dieses Licht will ich haben. Es scheint manchmal weit weg, wie das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels. Aber selbst dann gibt es mir Hoffnung. Und häufig sind es mein Tunnelblick und meine Scheuklappen, die dieses Licht begrenzen. Dabei hilft mir, die Bibel aufzuschlagen und mich den Worten Jesu auszusetzen, mich mit ihnen herumzuschlagen. Und ich brauche die Gemeinschaft, den Austausch mit anderen, die sich auch diesem Licht auszusetzen wagen. Da komme ich an Stellen, von denen wünschte ich mir, dass Jesus sie nicht gesagt hätte, weil sie mein Leben grell ins Licht und in Frage stellen. Jesus, Gottes Sohn ist keiner, der zu meinen Dunkelheiten schweigt, aber einer, der sie durch seinen Osterweg heilt.

Es grüßt Sie
Pastor René Bredow